Modusänderung?

Abschnitt 21 ist der längste des gesamten Romans und wurde in dieser Runde auch als der beste empfunden, und zwar nicht nur inhaltlich, sondern auch, weil der Lesefluss nicht gestört wird.

Deshalb wäre mein Vorschlag, die restlichen Abschnitte in Pakete von ca. 40 Seiten zusammenzufassen und zwei Pakete pro Woche zu besprechen.

Meinungen, weitere Vorschläge und Fragen zum Buch gerne hier im Kommentarfeld.

Macht’s gut, und danke für den Fisch!

Ich habe in den letzten Tagen viel darüber nachgedacht, und ich werde mich von diesem Projekt heute verabschieden. Begonnen habe ich vor einem Monat, Keine Zeit wie diese im Urlaub zu lesen; inzwischen hat mich der Arbeitsalltag wieder eingeholt und die Zeit ist wieder eine knappere und wertvollere Ressource geworden. Gleichzeitig hat meine Unzufriedenheit und besonders auch meine Ungeduld mit dem Text nicht wirklich nachgelassen; es gibt nur temporäre Schwankungen.

Nun habe ich mich an den letzten Abenden hingesetzt und etwa  90 Seiten des Romans einfach nur gelesen, in meinem normalen Lesetempo und ohne etwas im Text zu markieren oder mir Notizen zu machen. Ich will nicht sagen, dass ich mich dadurch mit dem Buch angefreundet hätte, aber es ging deutlich besser mit uns beiden als zuvor.

Eine nicht gelingende Lektüre kann recht verschiedene Ursachen haben. Das Buch von Nadine Gordimer scheint mir bei weitem nicht dicht genug gearbeitet, um eine solch langsame und konzentrierte Lektüre zu stützen, wie ich sie hier betrieben habe. Wenn ich mich nicht täusche, ist es auch nicht für eine solche Lektüre geschrieben: Die rasch aufeinanderfolgenden Wiederholungen einzelner Motive und Inhalte, die skizzenhafte Zeichnung der Figuren, das Hopplahopp der Handlung, der ständige thematische Wechsel scheinen auf eine sehr viel raschere und oberflächlichere Rezeption abzuzielen, als ich sie praktiziere, wenn ich 180 Seiten in 30 Tagen lese.

Hinzukommt, dass mir zu vieles im Buch einen zu geringen Widerstand entgegensetzt: Das Zwischenmenschliche bleibt oft zu ungenau, die Äußerungen der Figuren sind trivial, die Schilderungen sozialer und politischer Ereignisse oberflächlich und im besten Fall journalistisch. Wenn mir wenigstens klar geworden wäre, wer das lesen soll, auf welche Gruppe von Lesern Nadine Gordimer mit diesem Buch abzielt, wäre ich wahrscheinlich nicht ganz so unzufrieden. Es mag sein, dass es in Südafrika tatsächlich Leser gibt, die die inhaltliche Ebene dieses Buches nicht schon aus der Zeitung kennen; es mag sogar sehr sein, dass Leser in Südafrika in 20 Jahren dankbar sind, die Zeit nach der Revolution in dieser Weise widergespiegelt zu finden. Mir aber ist das alles zu unpräzise und abstrakt; dies ist das Gerippe eines Romans, aber kein Roman.

Da hilft es auch nicht, dass hier und da einmal etwas gelingt. Gerade auf den zuletzt gelesenen Seiten hat es mir sehr gut gefallen, wie Gordimer Steve zu einem Idioten macht: Alle reden von Aids, Steve selbst stammt sogar aus dem afrikanischen Land mit der höchsten Rate an Erkrankungen, und dann geht er einfach mit einer Zufallsbekanntschaft ins Bett und verschwendet an keiner Stelle auch nur einen einzigen Gedanken an die möglichen Folgen für sich selbst oder seine Frau und seine Kinder. Und das, nachdem ihm die Autorin noch kurz zuvor durch einen Beinahe-Autounfall ein Memento mori mit auf den Weg gegeben hat. Was für ein dumpfes Arschloch!

Das ist hübsch gemacht und hat mir gezeigt, was die Erzählerin kann, wenn sie nur will. Nur leider retten solche Einzelstellen für mich nicht das Buch. Ich werde mich von nun an also wieder anderem zuwenden.

Drei Fragen

Statt einer Zwischenbilanz möchte ich drei Fragen in den Raum stellen. Ich freue mich auf eure Antworten, auf weitere Fragen und die sich anschließende Diskussion.

1. Konnte euch der Roman bisher die südafrikanischen Verhältnisse näher bringen oder euer Interesse für das Land wecken?

2. Offensichtlich hat es wenig Sinn, nach euren Lieblingscharakteren zu fragen. Deshalb die Frage: Hat es vielleicht System, dass Gordimer ihre Charaktere nicht gerade mit Empathie überhäuft? Ist die Distanz Ausdruck einer Desillusionierung, einer Katerstimmung nach der Euphorie der mittleren Neunziger Jahre?

3. Die Reeds schicken die eigenen Kinder auf privilegierte Schulen, aber insbesondere Steve kämpft gleichzeitig für ein gerechtes Bildungssystem. Nur ein Beispiel von vielen, wo Ideale auf die Wirklichkeit prallen. Ist dies glaubhaft oder eine Aneinanderreihung von Klischees?

*9-99 (aus.gelesen)

fast 100 seiten, sicher ein moment, in dem kurz eine persönliche zwischenbilanz (ohne anspruch auf vollständigkeit) des buchs gezogen werden kann.

südafrika, ein thema, das für uns hier in europa nachrichtenwert hat, sonst hat es wenig praktische bedeutung. umso wichtiger/interessanter, daß uns vorgänge in diesem land nahe gebracht werden. gordimer wäre dafür prädestiniert.. wäre, weil – und damit bin ich beim buch – sie genau dies bis jetzt für mich mit diesem buch nicht schafft. mag sein, daß dies auch garnicht ihre absicht war, daß jemand wie ich garnicht zu ihrem leserspektrum gehört, bekennendermaßen gibt sie ja wenig auf das urteil anderer, so wird ihr das egal sein.

das buch fängt mit steve und jabu an, einem gemischtfarbigen, illegalem ehepaar, das im untergrund für die abschaffung der apartheid kämpft. der immorality act wurde 1985 von botha ausser kraft gesetzt, danach war diese ehe legal. zwischen 1985 und dem im letzten abschnitt liegenden problem der einschulung ihrer tochter 2004 liegen also 19 jahre…. irgendwas muss ich da doch übersehen, überlesen haben? oder ist die tochter tatsächlich erst nach über 10 jahren ehe geboren worden (wenn ich von einem einschulungsalter von 6 jahren ausgehe, wie bei uns)?

die zeitskala also. völlig willkürlich und ohne system, kaum zu durchblicken. widersprüchlich. sprünge, die kaum nachzuvollziehen sind. nur die richtung ist klar. immerhin.

die personen: blutleere zombies, ohne empathischen wert. who cares about steve, jabu, andrew (für dessen tod inclusive trauer und beerdigung reichen 22 zeilen) und pauline? einzig baba wäre interessant, weil er wirklich stark war, aber der wird ignoriert. was ist eigentlich in den 19 jahren (oder auch 15 oder auch…) passiert, außer daß steve immer noch seine rolle in der gesellschaft sucht…

überhaupt ist gordimer wieder voll ins weiße milieu abgetaucht, jabu ist immer die einzige schwarze. na ja, die randalierenden studenten dann auch noch….

ich bin kein literaturwissenschaftler, literarische kategorien sind mir fremd. ich beurteile das buch sehr subjektiv als leser, und da fällt es bei mir durch. ein häufig gestammelt wirkender text, ohne fluss und inneren zusammenhalt, sprunghaft und erratisch. wie soll ich mich da heimisch fühlen? soll ich überhaupt? und was von dieser holprigen sprache muss ich der übersetzung anlasten, was der autorin?

das projekt: schon nach wenigen tagen wurden änderungsvorschläge gemacht, weil zumindest einige „paten“ nicht zufrieden waren, geändert wurde leider nichts, auch nicht darüber diskutiert (abgesehen davon, daß es auch keine vernünftige plattform für einen internen informationsaustausch gibt).

viel luft nach oben.

das buch ist noch nicht zu ende.
das lesen muss weiter gehen.