Gordimer in ZEIT LITERATUR

In der heutigen Ausgabe der Zeit (Nr. 49) gibt es eine LITERATUR-Sonderbeilage, in der es ein schönes Interview mit Nadine Gordimer gibt, in dem sie mit Christiane von Korff nicht nur über ihren Roman spricht, aber ihn zwischendurch auch thematsiert:

„Steve und Jabulile sind nicht nur durch erotische Anziehung miteinander verbunden, sondern auch durch den gemeinsamen politischen Widerstand. Nach dem Ende der Apartheid heiraten sie und bekommen ein Kind. Mich hat beschäftigt, was es für zwei Menschen, deren Beziehung einst verboten war heute bedeutet, miteinander zu leben. […]“

 

Der mit dem Leoparden tanzt

Als ich heute morgen den Politikteil meiner Tageszeitung aufschlugt, überraschte mich der Anblick eines angestrengt wirkenden schwarzen Tänzers im Leopardenfell. Jacob Zuma tanzt in KwaZulu für seine Wiederwahl, unterstützt von einem leblosen Leoparden sowie 12 toten Rindern dreht er sich im Kreis seiner potentiellen Wähler.

Leider kann ich nicht das Foto aus meiner Zeitung verlinken, es wirkt authentischer, weil es ganz normale Zuschauer zeigt, nicht nur die Wahlhelfertruppe wie in diesem von N24.

Erwacht aus dem Freiheitskampf

25. Will Steve nach Australien auswandern, fragt sich Jabu als sie die versteckten Zeitungsausschnitte findet. Steve ist vom korrupten Staat Südafrika enttäuscht, dafür hat er nicht mit den Genossen gekämpft. Zum wiederholten Male wird an Zumas Verdienste und an seine Schande erinnert.

Während eines Urlaubs sprechen Steve und Jabu über die veränderten politischen Zustände. Für Steve ist diese neue Partei chancenlos gegen Zuma. Ihn empört die Wahl des Namens „Congress of people“, diese Bezeichnung trug die Versammlung, die 1955 die Freiheitscharta verabschiedete. Jabu steht der Namenswahl toleranter gegenüber.

Sie sprechen über Australien. Jabu vermutet universitäre Gründe. Aber Steve stören weder die dortigen Vorkommnisse, noch ist er mit seiner Karriere unzufrieden. Er befürchtet eine Diktatur Zumas und sieht die Zukunft seiner Kinder bedroht. Sie beziehen jetzt schon Privilegien und schicken die Kinder auf Privatschulen, damit sie eine bessere Zukunft haben. Australien wäre der nächste Schritt ihres privilegierten Sonderwegs.

Der Anfang dieses Kapitels gefällt mir erzählerisch gut, mündet aber bald wieder in den gewohnten Stil.

26. Australien wird zum Thema am Delphin-Pool. (Apropos Delphine, hier wird deutlich, daß die Erzählerin nur die Schwulen vom Swimmingpool als solche bezeichnet, S. 277) Jake erkundigt sich nach den in Australien gefragten Berufen und beklagt, daß Südafrika so die Gutausgebildeten verliert. Für Anwälte gibt es dort selbstverständlich keine Stellen.

Jabu kündigt an unbedingt mit Baba dieses Thema erörtern zu müssen, was bei Steve Unverständnis auslöst. Erst gegen Ende des Kapitels versteht er, daß seine Frau viel stärker an das Land gebunden ist, sie würde mehr zurücklassen als er. Diese gemeinsame Geschichte ist auch Ursache für die tiefe Übereinstimmung mit ihrem Vater.

Durch die Schilderung der gewalttätigen Erniedrigung schwarzer Arbeiter durch weiße Studenten initiiert erörtert die Autorin im Kopf Steves ausführlich das Thema Initiation. Die Studenten verharmlosen ihre sadistischen Quälereien als Initiationsritus. Von dieser vermeintlichen Initiation, die die Zugehörigkeit zu einer Gruppe manifestiert, springt sie zu Initiationsriten anlässlich der Geschlechtsreife, Beschneidung etc. pp. Es schließt sich dann aber eine sehr biologistische Sichtweise von Initiation an. Weder in der Tierwelt, noch bei hormonell bedingten Vorgängen im menschlichen Körper lässt sich meinem Verständnis nach von Initiationen sprechen, denn diese sind eben nicht bewusst herbei geführt.

Steve sinniert ob sein Eintritt in den Freiheitskampf seine politische Initiation war und denkt im Anschluss an religiöse Initiationsriten, die schließlich in der philosophischen Frage münden, ob ein Penis mit oder ohne Vorhaut besser sei. Seine Frau möchte er allerdings dazu nicht befragen.

Diese war inzwischen in KwaZulu und hat ihrem Baba mitgeteilt, daß sie geht. Ein Verrat an ihm, an dem Land, dem Kampf und sich selbst.

Die Zeitungsausschnitte finde ich sehr anachronistisch. Wer schneidet zu Zeiten des Internets noch Annoncen aus der Zeitung aus? Dass man mal auf die Schnelle etwas herausreißt ist nachvollziehbar, aber zu einem Thema mehrere Ausschnitte fein säuberlich mit der Schere herausschneiden ist doch sehr veraltet. Jabu hätte dies doch auch im Browserverlauf entdecken können. Der Autorin scheinen Computer fremd zu sein.

Inhaltlich seltsam finde ich Äußerungen wie „Hier geboren zu sein reicht nicht…“ S. 289, um die schwächere Bindung Steves an Südafrika zu begründen. Jabus Heimatgefühl erhält so eine Blut- und Bodenaura, die ich bedenklich finde. Ich kenne mich nicht in der Geschichte der Zulu aus, aber es würde mich doch sehr wundern, wenn diese Gruppe jahrtausendelang ohne Migration gelebt hätte. Auch Babas-Sippe kann sich ihres „reinen Blutes“ nicht sicher sein.

Zuletzt zu diesem Kapitel noch eine Verständnisfrage. Was meint der Satz, „Muss sich schützen vor den verknoteten Banden der Natur?“ Bindungen, Bänder?

27. Sindis Geburtstag wird gefeiert mit iPhone, einem hoffentlich koscheren Grillvergnügen, und mit PUTU. Was immer das sein mag.

S. 291 „Jabus Vorschlag IHM gegenüber“ Wieso steht hier ihm, sie telefoniert mit Brenda?

28. In der Universität findet eine Podiumsdiskussion zum Thema „Recht und Gesetz“ statt, Jabu nimmt daran in afrikanischer Tracht teil. Wieso in afrikanischer Tracht? So etwas gibt es nicht. Sonst achtet dieser Roman stets auf politische Korrektheit.

29. Auf dem Australienseminar trifft Steve nur einen Unikollegen und einen schwarzen Auswanderungswilligen.

S. 298 „Zu den ungeahnten Begleitumständen bei klandestinem Denken und Handeln zählt, dass man nie jemanden hat, mit dem man reden kann.“ Wieso sollten diese ungeahnt sein, im Gegenteil sie sind vorhersehbar.

Nochmals sprechen die Freunde über die rechtlichen Konsequenzen für die Studenten, die die schwarzen Reinigungsarbeiter gequält haben. Jabu fragt nach der Gerechtigkeit für die Opfer und sie beschließen sich dafür einzusetzen, in Jabu erwacht der alte Kampfgeist.

Sirene im Häschenpyjama

Diesen Abschnitt hatte ich unmittelbar nach dem vorhergehenden gelesen. Das Szenario bleibt weitgehend dasselbe und ich finde Gordimer hat dieses Milieu gut getroffen und an manchen Stellen mit ihrem Sarkasmus gewürzt (Soja-Bart). Endlich schenkt sie uns Lesern mehr Interaktionen und Dialoge. Den Seitensprung Steves empfinde ich nicht überraschend, er unterlag den Verführungen der blonden Sirene, vielleicht etwas naiv, aber menschlich. Wobei „Häschenpyjama“ und „Vorhautschild“ in gleichem Maße albern wirken.

Aber auch in diesem Abschnitt verzichtet die Autorin nicht auf Wiederholungen. Die Felsgrottenmadonna wird uns noch einmal erzählt, warum? Im Übrigen wird sich ein protestantischer Christ, der in seiner Jugend „heidnische“ Rituale praktizierte wohl kaum an traditionell christlichen Bildinhalten stören.

Als Frage bleibt, ob Schweden tatsächlich als das am wenigsten rassistische Land bezeichnet werden kann.

*119-146 (aus.gelesen)

so, ich bin am nacharbeiten…. jetzt der erste teil der aufholjagd…

also, steve und juba machen urlaub im ausland, so wie alle anderen auch. schwägerin brenda sucht für juba (dem „schwarzen Trumpf der Familie Reed“) und ihren mann einen günstigen Flug nach — na, London natürlich. Dort wird das „Mann/Frau-Abkommen“ zwischen ihnen gebrochen, denn im ausland „wird man jemand anderes“…

auslandurlaub: ist das verrat an den idealen? oder passt man sich einfach nur den gegebenheiten an? in london gibt es jedenfalls normale touristenvergnügen, museumsbesichtigungen etc pp. sie wohnen bei emigrierten landsleuten, ärzten.. hier tritt auch die einzig erwähnenswerte situation ein: die frage steves nämlich, ob und wann diese zurückkommen in ihr land…. peinliches berührtsein, offensichtlich planen sie das nicht.

in den zwei wochen freiheit von der pflicht zum kampf (vulgo: urlaub) haben sie noch nicht einmal die kinder vermisst.

***********
„Die Vorstadt der Schwulen und Genossen“ gewinnt an sozialer reputation, die grundstückpreise steigen und steve und jabu stehen vor der nächsten etappe auf dem weg in´s bürgerliche establishment: dem hauskauf, um der gefahr vorzubeugen, den mietvertrag gekündigt zu bekommen. Wieder wurden prinzipien, die im realen leben so unpraktisch sind, über bord geworfen…

recht zusammenhangs- und übergangslos wird die korruptheit der politischen klasse erwähnt und diskutiert, insbesondere im zusammenhang mit waffengeschäften. es fällt der name von zuma, stellvertreter des präsidenten.

jabu erscheint mir die figur, die gordimer mit der meisten zuneigung zeichnet. sie ist diejenige, die ihre wurzeln behalten hat. diese liegen bei ihrem vater in der alten clangesellschaft des dorfes, in das sie wieder fährt, damit dieser gary elias unter seine fittiche nehmen kann. die beste zeit dafür ist ostern.

**************
steve und jabu.. während jabu durch die qualität ihrer arbeit auffällt und es versteht, zwischen beruflichem weiterkommen und ihren prinzipien eine art kompromiss zu schließen, ist von steve eher als „altlinkem“ die rede, der – es muss ja jetzt schon jahrzehnte so sein, hat irgendjemand konkrete zeitangaben? – unermüdlich versucht, die zugesicherten rechte seiner studenten in die praxis umzusetzen. ein lebendes fossil, der „Übriggebliebene aus den Zeiten des Kampfes.“

wieder das thema „homosexuelle“, das in südafrika offensichtlich wirklich ein thema ist. marc aus der schwulengruppe bringt sein theaterstück mit viel erfolg auf die bühne, jabu besucht es zusammen mit einem kollegen… steve hat andere verpflichtungen, am abend tauscht er sich mit jabu aus und entlockt seiner frau ein säuerliches lächeln. und mir stirnrunzeln, weil mir der abschnitt unverständlich bleibt…

******************
gordimer bleibt ihrem stil treu: der mangel an fragezeichen wird durch kommata überkompensiert, die wortgeröllhalde eines verquasten schreibstils, der den leser (potentiell) so auf abstand zu halten vermag, daß dieser sogar die buchdeckel schließen möchte, um derart zeit zu gewinnen, andere südafrikanische autoren zu lesen (so ihm das land nicht durch diese zeit, die wie keine ist, verleidet wurde…), wächst und wächst und wächst.