S. 466 – 506

Wethu wurde überfallen und das Haus der Reeds ausgeraubt, sie wird gefesselt zurückgelassen und von einem der Delphine gefunden, die sich rührend um Wethu kümmern. Die Reeds erschrickt dieses Ereignis so sehr, dass Sindi entscheidet, dass Wethu aus ihrem Gartenhäuschen auszieht und zu ihr ins Zimmer einzieht. Am liebsten würde Sindi Wethu auch mit nach Australien nehmen. Die Perspektive von den Reeds Abschied nehmen zu müssen, fällt auch Wethu schwer. Sindis plötzliche Wandlung zu einem „Mitglied der KwaZulu-Großfamilie“ kommt für mich überraschend und wirkt wenig authentisch. 

Desweiteren beschäftigt sich Nadine Gordimer erneut mit einem ihrer Lieblingsthemen: Xenophobie, dessen Ursache eigentlich die Armut ist, die mit Worten wie „Xenophobie“ oder Fremdenhass nur verschleiert wird.  

Steve besucht mit einem befreundeten Afrikanistik-Professor eine der Siedlungen „vor Ort“, in der „letzte Woche Menschen zusammengeschlagen und rausgeschmissen wurden – zwei kamen um. -“ In die Vorstadt kehren sie nicht alleine zurück, sie bringen einen Mann mit, der aus Simbabwe geflüchtet war, doch auch in Südafrika keine Heimat findet. Er soll bei Steve und Jabu in der Gartenhütte wohnen. 

Das Buch endet mit einer Überraschung: nicht Jabu entscheidet in Südafrika zu bleiben, sondern Steve sagt, dass er nicht gehen möchte. Mit diesen Worten endet der Roman und entlässt mich als Leser mit vielen Fragen. Erschlossen hat sich mit der plötzliche Sinneswandel von Steve nicht. Ist es ein Resultat auf den Besuch „vor Ort“? Was führt ihn zu dieser Entscheidung. Ich muss die letzten Seiten wahrscheinlich noch einige Male lesen, bevor ich entscheiden kann, ob das Ende mich zufriedenstellt. 

Nadine Gordimer ist sich das ganze Buch durch mit ihrem abgehakten Erzählstil treu geblieben, auch in diesen Abschnitten ist mir wieder ein solches Satzmonster aufgefallen: „Herbst der Party, im Sommer. Ein Ende.“

S. 425 – 465

Dieser Abschnitt enthält wieder sehr viel Themen, aber ich habe ein bisschen den Eindruck, dass bei vielen der Themen ein Stück weit „die Luft raus ist“. Die Entscheidung für Australien scheint endgültig getroffen.

Jabu wird zu Beginn des Abschnitts in einem Vergewaltigungsfall an eine Kanzlei ausgeliehen. Ich habe bei vielen Handlungssträngen in diesem Buch das Gefühl, dass sie als Folie genutzt werden, um über die gesellschaftlichen Verhältnisse in Südafrika zu sprechen. Das Opfer der Vergewaltigung ist noch fast ein Kind und erinnert Jabu daran, dass dies auch Sindi hätte passieren können.

Die Situation in Südafrika scheint sich in diesem Abschnitt immer dramatischer zu entwickeln: mittlerweile gibt es einen Ärztestreik und bei Protesten wurden zwei Menschen getötet. Auch die Müllabfuhr streikt, genauso wie die Telekommunikationsbranche. Auch Züge fahren nicht mehr oder die Züge, die fahren sind so überfüllt, dass Pendler herausstürzen. Auch die Postämter beginnen damit zu streiken. Das öffentliche Leben in Südafrika scheint zu dieser Zeit immer mehr zum Stillstand zu kommen.

Ein weiteres Thema ist der Verkauf des Hauses in der Vorstadt. Ein potentieller Mieter springt ab und Jabu und Steve sind sich noch nicht sicher, wie sie weiter verfahren wollen.

Obwohl Steve im vorherigen Abschnitt noch leichtes Unwohlsein bei seiner Entscheidung auszuwandern gespürt hat, scheint er mittlerweile davon überzeugt zu sein, dass auch Jabu einverstanden ist mit Australien: „Er hat sie nicht gegen irgendeinen Instinkt in ihr – schließlich ist sie Afrikanerin, wie er es letztlich nie sein kann – gezwungen, Einwanderin in fremdem Land zu werden.“

Der letzte Teil des Abschnitts verspricht noch einmal Aufregung und Spannung: es geht darum, was mit Wethu geschieht, wenn Familie Reed nach Australien auswandert. Sie wird nicht als Dienstbotin angesehen, sondern als Familienmitglied und doch wird man sie vor der Ausreise aussortieren müssen und in ihre Heimatregion zurückschicken. Während Steve, Jabu und die Kinder einen Ausflug in den Krüger-Nationalpark machen, um vor der Ausreise noch einmal „ihr Afrika“ kennenzulernen, bleibt Wethu allein zu Hause und wird von zwei jungen Männern überfallen. Kurz vor Ende des Buches erlebe ich eine Premiere: der Abschnitt endet so spannend, dass ich sofort umblättere und weiterlesen muss. 🙂

Gordimer in ZEIT LITERATUR

In der heutigen Ausgabe der Zeit (Nr. 49) gibt es eine LITERATUR-Sonderbeilage, in der es ein schönes Interview mit Nadine Gordimer gibt, in dem sie mit Christiane von Korff nicht nur über ihren Roman spricht, aber ihn zwischendurch auch thematsiert:

„Steve und Jabulile sind nicht nur durch erotische Anziehung miteinander verbunden, sondern auch durch den gemeinsamen politischen Widerstand. Nach dem Ende der Apartheid heiraten sie und bekommen ein Kind. Mich hat beschäftigt, was es für zwei Menschen, deren Beziehung einst verboten war heute bedeutet, miteinander zu leben. […]“

 

S. 383 – 424

Vielleicht liegt es an meiner mangelnder Konzentration, aber es fällt mir im  Moment sehr schwer, die ganzen politischen Beschreibungen rund um die Wahlen zu verstehen. Häufig lese ich mehrmals, mache mir Anstreichungen und doch habe ich das Gefühl, häufig nicht einmal die Hälfte zu begreifen. Die ganzen unterschiedlichen Namen der Politiker, die Parteien und ihre Abspaltungen, die Ausführungen zur Bildungspolitik … all das rauscht irgendwie an mir vorbei, ohne dass ich es wirklich greifen könnte. Ich empfinde es einfach als zu viel, zu detailliert und zu vieles von dem, was Nadine Gordimer beschreibt ist mir einfach unbekannt. Ich hätte mir gewünscht, dass sie den Detailreichtum, den die politischen Ausführungen haben, lieber in die Ausgestaltung der Personen gesteckt hätte.

Auf Garys Schule gab es wieder einen „Vorfall“, doch Steve entscheidet, dass er das Schuljahr dort zu Ende absolvieren wird.

Auch wenn es mir ähnlich wie Atalantes geht und ich das Gefühl habe, dass Jabu sich noch gar nicht wirklich entschieden hat, mitzugehen, werden die Pläne für Australien immer konkreter. Die ersten Fotos und Prospekte von ihrem dortigen Haus treffen bei den Reeds ein. Ich wäre nicht überrascht, wenn Jabu sich noch kurz vor der Auswanderung dagegen entscheiden würde.

Sprachlich ist der Roman bisher ansonsten wirklich keine Offenbarung. Ich stolpere immer wieder über unverständliche Sätze und komplizierte Satzkonstruktionen. Ein Beispiel von S. 385: „Sie ist nicht die bereitwillig vertrauensvolle, offene junge Frau, sein Mädchen bei der Entdeckung der Sexualität als eines natürlichen Bestandteils der politischen Entdeckung in Swasiland […].“ Ach ja.

Die Namen der Politiker fand ich aber wirklich toll, das muss ich einfach anmerken: Tokyo Sexwale. Und auch der Name Terror ist natürlich sehr imposant.

S. 346 – 382

Politische Themen stehen in diesen Abschnitten weiter im Mittelpunkt. Ich muss mich beim Lesen sehr stark konzentrieren, um alles halbwegs verstehen zu können: COPE, ANC, COSATU. Manchmal schwirrt mir der Kopf vor lauter Abkürzungen.

Die Studenten, die die schwarze Putztruppe gedemütigt haben, werden doch noch angeklagt und vor Gericht gestellt. Auch an Garys Schule kommt es zu gewalttätigen Übergegriffen. Die Angst der Eltern Gary könnte ein Opfer dieser werden ist groß, noch größer scheint jedoch die Furcht davor zu sein, er könnte selbst zum Täter werden.

Die Entscheidung für die Auswanderung scheint mittlerweile getroffen zu sein, auch wenn die Qualifikation von Jabu für Australien nicht ausreicht. Sie muss sich nachqualifizieren, was bei Steve jedoch nur für ein hauchdünnes Unbehagen sorgt: „Sie könnte ihre Fortbildung absolvieren, während sie bereits als sein Anhängsel im Land lebt.“ Was mich bereits die ganze zeit über verwundert ist, dass Jabu und Steve mit ihren Kindern nicht wirklich über ihre Auswanderungspläne sprechen. Die Entscheidung für die Schule in Australien wird über deren Köpfe hinweg getroffen und Steve entscheidet sich für eine gemischte Schule. Gary würde lieber eine Jungenschule besuchen.

Jabu weigert sich in ihr Heimatdorf zu fahren und schickt stattdessen Steve, warum habe ich nicht ganz verstanden.

S. 306 – 345

Es tritt das ein, was ich bereits in weiser Voraussicht prophezeit hatte: Marc kehrt den Delphinen den Rücken und wendet sich den Frauen zu. Vierzig Seiten später – typisch für Frau Gordimers Eiltempo – ist Marc bereits verheiratet. Nun befingert er seine Frau beim Tanzen und nicht mehr seine Liebhaber. Hinter vorgehaltener Hand wird vermutet, Isa habe ihn bekehrt. Um das Thema Initiation wieder aufzugreifen, könnte man auch sagen, sie habe ihn initiiert. Erstaunt war ich wieder einmal über die Gedanken, die sich Steve zu diesem Thema macht:

„Warum sind wir Heteros so froh darüber, ist er eine Trophäe für uns, haben wir etwa immer noch eine heimliche, anachronistische Verachtung für das dritte Geschlecht, und jede Bekehrung erfüllt uns mit selbstgerechtem Triumph, weil die unsrige die einzige Art ist zu leben, zu sein? -„

Die politische Situation wird in kleinen Schlaglichtern weiter thematisiert, aber es fehlte mir die Zeit, mich intensiver damit auseinanderzusetzen. Jacob Zuma steht erneut vor Gericht, doch die Korruptionsvorwürfe gegen ihn werden fallen gelassen.

Auch die bildungspolitische Situation wird thematisiert: der Erfolg, die Zahl schwarzer Studenten verdoppeln zu können ist mit gemischten Gefühlen verbunden: „[…] wird das Gerücht laut, dass unsere Universitäten ihre weltweite Akkreditierung verlieren werden, weil hier Studenten ohne angemessene Qualifikation immatrikuliert werden.“

Die Auswanderungspläne von Jabu und Steve erhärten sich, auch wenn immer noch ungeklärt ist, welche Perspektiven für Jabu mit einer Auswanderung verbunden wären. Die Szenen bei dem gemeinsam besuchten Seminar empfand ich als befremdlich: Jabu trägt eine „afrikanische Vielfalt“ und wird als „echt schwarze Ehefrau“ bezeichnet. Sie ist die einzige Schwarze bei der Veranstaltung und wird von den anderen gemustert: „wer will schon beobachtet werden, wie er sein Geburtsrecht aufgibt.“ Das habe ich nicht verstanden, weil doch alle die dort saßen höchstwahrscheinlich in Südafrika geboren worden sind.

Sprachlich gab es erneut einige Seltsamheiten, im Gedächtnis geblieben ist mir vor allem die umständliche Formulierung „die Jonathan-und-Brenda-Tochter Chantal“.

S. 264 – 304

Wie aus heiterem Himmel kommt bei Steve plötzlich die Idee auf, Südafrika zu verlassen und nach Australien auszuwandern. Jabu findet durch Zufall Hinweise auf seinen Plan und ist im ersten Moment überrascht: „Warum hat er nichts davon erwähnt, irgendwas gesagt, wir erzählen uns doch immer alles.“ In dem Moment tat mir Jabu für ihre Naivität leid, sie scheint nichts von Steves Abenteuer in der Mühle zu ahnen. Ziemlich schnell ist Jabu jedoch in der Lage dazu, Steve zu verzeihen, dass er ihr von seinen Plänen nichts gesagt hat und scheint sogar gefallen an der Idee zu finden, auszuwandern. Sie entschließt sich sogar dazu, es ihrem Vater zu sagen und auch ihren Freunden vom Swimmingpool teilen sie sich mit.

Der Wunsch auszuwandern deutet auch daraufhin, dass sich in Südafrika nicht alles zum Guten gewendet hat: „Hütten, wo unser Volk jetzt Wände und ein Dach haben sollte, aber die Menschen leben immer noch in der Scheiße […]“

Mich überrascht es, dass sich Jabu so bereitwillig Steves Auswanderungsplänen anschließt: sie hat eine gute Anstellung und ihre Familie in Südafrika und zwischen den beiden scheint vieles nicht mehr zu stimmen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob Steve wirklich mit seiner Familie auswandern möchte, oder nicht lieber seine Familie verlassen möchte, um auszuwandern. „Sie hatte immer Ambitionen für ihn, die er nicht vertrat, die ihm fernlagen.“

Schwierig finde ich die Abschnitte über die Initiationsrituale von Studenten. Einer der Professoren formuliert es sehr richtig und betont, dass es sich für ihn nicht um eine Initiation handelt: die eingeladene „schwarze Putztruppe“ sollte gedemütigt werden und nicht in eine Gemeinschaft aufgenommen werden. Steve verliert sich beim Thema Initiationen in ziemlich philosophische Gedanken, die mich – aufgrund ihrer holprigen und etwas weltfremden Formulierung – schon beinahe amüsiert haben beim Lesen:

„Die Aufrichtung des Wurms, den du zum Pinkeln benutzt, zu einem steifen Stock kommt anscheinend bereits in der Gebärmutter vor, und du kannst sie in der Kindheit herbeiführen, wenn du damit spielst.“

Ich finde es schade, dass Nadine Gordimer Handlungsstränge wie die Schwangerschaft Jabus oder das Fremdgehen von Steve einfach wieder fallen lässt. Sie verlaufen im Sande und werden von anderen abgelöst.

P.S.: Was bitte schön ist ein Twitter-Face-Talk?