*383-465

Nach der großen Wahlkampfschlacht kommt es nun endlich zur Wahl selbst. Steve und Jabu stellen sich mit ihren Entscheidungen gegen die Vorstadtfreunde. Steve geht gar nicht wählen und Jabu wählt die Abtrünnigen. Was bringt es, wenn auch in den anderen Parteien Korruption an der Tagesordnung ist?

Australien rückt immer näher und die letzten Vorbereitungen werden getroffen. Man überlegt, was wird mitgenommen, wie und an wen wird das Haus verkauft und man erinnert sich an den letztem Umzug – als es damals in die Vorstadt ging. Ein Ereignis überschattet die Vorkehrungen: Während einen Wochenendausfluges wird in ihr Haus eingebrochen und dabei auch Wethu verletzt. Der Schock sitzt tief. Langsam bekomme ich das Gefühl, dass es mit der Abreise nicht klappen wird. Nicht etwa weil einer der beiden nein sagt, sondern aufgrund einer dritten unbekannten Größe. Wir werden sehen.

Die Abschnitte lesen sich wieder besser und mein Interesse an Jabu und Seve wächst. Sie sind für mich plötzlich nahbarer geworden.

Ich bin ein wenig in Verzug, so dass sicher als Letzte meine Bilanz zu Gordimer ziehen werde. ABER: Immerhin bin ich auf der Zielgeraden. Hatte so manchen Tag an dem ich das Buch einfach nur wegstellen wollte.

 

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*383-424 (aus.gelesen)

Mit der Bitte um Erklärung: „Sie ist nicht die bereitwillig vertrauensvolle, offene junge Frau, sein Mädchen bei der Entdeckung der Sexualität als eines natürlichen Bestandteils der politischen Entdeckung in Swasiland: Ihr wart nicht weiß und schwarz, als ihr das Gefängnis riskiert habt, mit Folter bedroht wurdet in eurer kurzlebigen Existenz, deren Zweck der Kampf war, um die existierenden Kategorien der Macht, der Gewohnheit, des Besitzens zu beenden und aus all den Trennungen der abscheulichen Vergangenheit die Voraussetzungen für ein humanes Dasein im eigenen Land zu schaffen….“ (S. 385)

„Brain drain“: die Intelligenz ist es, die mit dem Auswanderungsgedanken spielt, bzw. die die Möglichkeit hat, auszuwandern, weil sie zu Einzuwandern eingeladen wurde (ich kann auch schwurblig). Ist Zuma schuld, weil die Intelligenz ihn durchblickt, ihn und seine Machenschaften? Der Glauben, daß es besser wird, ist jedenfalls zerbrochen, obwohl der ANC bis zum jüngsten Tag an der Macht sein wird. Keine Zeit wie diese. Was noch? Auch die Konkurrenzparteien sind offensichtlich für Korruption anfällig… wundert´s wen?

Beispiele aus dem Bildungsbereich, in dem es an allen Stellen fehlt und hapert.

Australien: Steve hat Bilder vom neuen Haus dort…

Auffällig ist, daß Steve und Jabu eigentlich nie richtig über ihre Pläne diskutiert haben, Pläne, die vor allem Jabu Nachteile bringen, die in Südafrika eine bemerkenswerte Laufbahn eingeschlagen hat, die in Australien aber nicht ohne weiters etwas wert ist. Wie überzeugt sind die beiden von ihrem Vorhaben?

22.April 2009

Am 22. April 2009 fand in Südafrika die dritte freie Wahl nach Ende des Apartheidregimes statt. Es ist das erste Datum, das im Roman konkret genannt wird, und tatsächlich dreht sich in den Abschnitten 38–43 fast alles um diesen 22. April 2009. Auch für Steve und Jabu, obwohl sie nach Meinung der Nachbarn ihr Wahlrecht, das sie ja offiziell noch besitzen, durch ihre bevorstehende Emigration verwirkt haben.

Für den Rest der Nachbarschaft gibt es überhaupt nur zwei Parteien, die zur Debatte stehen: ANC und COPE. Wer für den ANC stimmt, bedingungslose Loyalität gegenüber „Mandelas Partei, die uns die Freiheit gebracht hat“, für COPE, einer Abspaltung des ANC könnten sich jene entscheiden, denen mit Terror Lekota das ursprüngliche Ethos des ANC wichtiger ist.

Die einzige aus der Vorstadt, die ihre Stimme Terrors Partei gibt, scheint Jabu zu sein. Steve ist tatsächlich nicht gewählt und alle anderen haben für Zuma gestimmt. Dieses  Hochrechnung aus der Vorstadt zeigt, warum sich der ANC an der Macht halten konnte, obwohl sich die Zustände im Land auf vielen Ebenen drastisch verschlechtert haben, und warum Zuma trotz aller persönlichen Verfehlungen das Präsidentschaftsamt erringen kann: Alles gerät gegenüber jenem höchsten Gut, für das man gekämpft hat, in den Hintergrund : Freiheit, insbesondere die Freiheit, jene zu wählen, denen man seine Freiheit mit zu verdanken hat. So krankt Südafrika heute an seinen Helden, denen man wohl alles verzeiht. Mag man auch noch so sarkastisch, empört und abfällig über sie reden, am Ende wählt man sie doch. Die Verdienst aus vergangenen Tagen scheinen so groß, dass sie die Verzeiflung der anderen Seite (Steve und Jabu) überragen: „Wer hätte denn in seinen schlimmsten Träumen geahnt, dass man so enden könnte, angewidert, beraubt aller Hoffnungen und Hoffnungsträger.“ (S. 424)

Am Ende des vorhergehenden Abschnitts hieß es, „die Gegenwart hält nicht an – sie hat keinen Bestand“ (S. 384). Dennoch scheint es im Leben der Vorstadt einen Fixpunkt zu geben, es ist dieser 22. April 2009. Und letztlich liegt ja im vorhersagbaren Ergebnis, den dieser Tag zeitigen würde, für Steve und Jabu der wichtigste Grund, das Land zu verlassen.

S. 383-424 (Wortgalerie)

„Sie sind sich einig“ (S. 385) was das Auswandern nach Australien angeht. Bei dieser Formulierung musste ich an den Anfang des Romans denken, als Jabu dem Umzug nach Glengrove Place zwar zugestimmt hat, kurz davor jedoch sagte, dass sie nicht mit will. Vielleicht wird sich so eine Szene noch wiederholen, bzw. stellt sich die Frage, ob die Reeds gegen Ende des Romans tatsächlich Übersiedeln oder etwas dazwischen kommt, das es verhindert.

Nach einem weiteren Vorfall an Garys Schule bringt der Erzähler den Determinismus der Geschichte zu Wort:

„Die Geschichte ist immer bereit für eine Wiederkehr. Der Mann kann doch das, was hier passiert, nicht als Panne bei der Erzeugung einer frei denkenden Generation in einem freien Land betrachten“ (S. 395)

Jacob Zuma ist in der Zwischenzeit zum Präsidenten gewählt worden, wir befinden uns also im Jahr 2009, und es macht sich Resignation angesichts der Probleme im Land breit:

„Was ist denn der Unterschied zwischen nichts tun und, unter extremen Widerstand, zu der Einsicht gelangen, dass alles, woran man geglaubt, wofür man gekämpft hat, noch nicht annähernd umgesetzt ist […]“ (S.423).

Klasse statt Rasse

„Nichts ist wie es scheint“, so hätte der Titel des Romans auch lauten können. Kirchen sind keine Gotteshäuser mehr, sondern Delphinarien oder Notunterkünfte, Homo- werden zu Heterosexuellen, Revolutionsgenossen zu etablierten Bürgern oder schlimmer zu korrupten Herrschern. Selbst der gerechte Gottesmann Gumede kommt von seinen Prinzipien ab und Steve und Jabu, die als Kämpfer und als illegales Paar ihre Existenz für ihr Land auf’s Spiel gesetzt haben, kehren diesem nun den Rücken.

Oder doch nicht? Meiner Meinung nach gab es im letzten Kapitel viele Indizien, daß sie diesen Schritt nicht unternehmen. Besonders Jabus Ausweichen vor einem Zusammentreffen mit Baba ist für mich ein Zeichen, daß ihre Entscheidung für Australien noch schwankt. Den Argumenten Babas würde sie nicht standhalten. Deshalb will sie nicht nach KwaZulu, Zuma war ein eher kollateraler Grund.

Doch in diesen Kapiteln mehren sich die Zeichen, die gegen ein Bleiben sprechen. In Südafrika ist die Ungleichheit zwar nicht mehr von der Rassen- jedoch von der Klassenzugehörigkeit abhängig. Und sie nimmt seit dem Ende der Apartheid zu. Jabu hat Angst um die Zukunft ihrer Kinder, in diesem Staat mit seinen unbeeinflussbaren Machtstrukturen. Ihr stehen die Haare zu Berge, nicht nur wenn sie aus der Dusche kommt.

Allerdings, und hier ertönt mein APPELL AN VERLAG UND AUTORIN, doch einen winzigen, klitzekleinen Blick eines Lektors zuzulassen. Denn als ich MEDEA las, standen mir die Haare zu Berge (S. 385). Vielleicht standen auch Medea die Haare zu Berge als sie Jasons Pläne durchblickte, aber normalerweise nicht. Jedenfalls nicht so wie der MEDUSA, die hier gemeint ist, auch wenn deren Haare, aber das führt zu weit. Man muss nicht notgedrungen wissen, daß es sich bei diesen um Schlangen handelt. Doch ausgerechnet ein falsches Bild als Beispiel für kulturspezifisch bedingtes Unwissen anzuführen ist peinlich.

Das kann aber in der nächsten Auflage korrigiert werden. Nicht korrigiert wird sicherlich folgender Satz, dem ich widerspreche. „Die Geschichte ist immer bereit für eine Wiederkehr.“ Das kann sie nicht sein, weil das wiederkehrende Ereignis bereits auf historischen Boden fällt.

Es folgen Hinweise zur literarischen Aufarbeitung der Probleme der Aborigines durch Germaine Greer, Überlegungen zu Sprache und Bindung und schließlich Zumas Wahlsieg. Die von diesem getroffene Aussage, der ANC regiere bis zur Wiederkunft des Herrn, wie die Mohammedkarikatur als Blasphemie zu deuten, halte ich für falsch. Eine solche Aussage weist auf das Selbstverständnis Zumas hin. Er sieht sich als Herrscher von Gottes Gnaden, nicht als ein vom Volk gewählter Repräsentant.