*346-382 (aus.gelesen)

Der Wahltermin ist fixiert: 22. April 2009. Zuma als Volkstribun, dem die Justiz nicht beikommt, kann viele seiner (schwarzen) Landsleute mitreißen. Andererseits spalten sich auch Gruppierungen ab und gründen neue Parteien. Man muss anerkennen, daß es Gordimer durch ihre weiterhin verschwurbelt-verquaste Sprache versteht, das alles sehr unklar rüberzubringen. Da hilft der Rückgriff auf Montaigne, der empfiehlt, einen Text, den man beim zweitem Mal nicht verstanden hat, zu übergehen…

Zuma steht immer offensichtlicher zwischen Jabu und ihrem Vater, für den er weiterhin der alte Kämpfer ohne Fehl und Tadel ist.

Steve und Jabu sind beunruhigt, weil auch an Garys Schule Mobbing-Fälle auftreten, in Anbetracht der Tatsache, daß es bald nach Down Under geht, nehmen sie ihn aber nicht von der Schule.

Auf der Straße, der schwarzen Bevölkerung, gärt es, kommt es immer häufiger zu Unruhen bzw. Streiks. Desillusionierung greift um sich und zu Gewalt.

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S. 383 – 424

Vielleicht liegt es an meiner mangelnder Konzentration, aber es fällt mir im  Moment sehr schwer, die ganzen politischen Beschreibungen rund um die Wahlen zu verstehen. Häufig lese ich mehrmals, mache mir Anstreichungen und doch habe ich das Gefühl, häufig nicht einmal die Hälfte zu begreifen. Die ganzen unterschiedlichen Namen der Politiker, die Parteien und ihre Abspaltungen, die Ausführungen zur Bildungspolitik … all das rauscht irgendwie an mir vorbei, ohne dass ich es wirklich greifen könnte. Ich empfinde es einfach als zu viel, zu detailliert und zu vieles von dem, was Nadine Gordimer beschreibt ist mir einfach unbekannt. Ich hätte mir gewünscht, dass sie den Detailreichtum, den die politischen Ausführungen haben, lieber in die Ausgestaltung der Personen gesteckt hätte.

Auf Garys Schule gab es wieder einen „Vorfall“, doch Steve entscheidet, dass er das Schuljahr dort zu Ende absolvieren wird.

Auch wenn es mir ähnlich wie Atalantes geht und ich das Gefühl habe, dass Jabu sich noch gar nicht wirklich entschieden hat, mitzugehen, werden die Pläne für Australien immer konkreter. Die ersten Fotos und Prospekte von ihrem dortigen Haus treffen bei den Reeds ein. Ich wäre nicht überrascht, wenn Jabu sich noch kurz vor der Auswanderung dagegen entscheiden würde.

Sprachlich ist der Roman bisher ansonsten wirklich keine Offenbarung. Ich stolpere immer wieder über unverständliche Sätze und komplizierte Satzkonstruktionen. Ein Beispiel von S. 385: „Sie ist nicht die bereitwillig vertrauensvolle, offene junge Frau, sein Mädchen bei der Entdeckung der Sexualität als eines natürlichen Bestandteils der politischen Entdeckung in Swasiland […].“ Ach ja.

Die Namen der Politiker fand ich aber wirklich toll, das muss ich einfach anmerken: Tokyo Sexwale. Und auch der Name Terror ist natürlich sehr imposant.

*305-382 (glasperlenspiel13)

Und das Leben geht weiter…

Delphine werden hetero und heiraten. Zuma verstrickt sich immer weiter in Korruption – „Das ist das Ergebnis der Jahre im Gefägnis, im Exil, dafür sind Genossen im Buschkampf gefallen.“ – Das Bildungssystem steht weiterhin am Pranger. AUSTRALIEN wird immer konkreter. KwaZula einst sicherer Hafen wird nun, wenn möglich, gemieden. Wieder AUSTRALIEN. Politische Scharmützel. Wahlen. Zuma. Noch mal AUSTRALIEN, Wahlkampf usw.

Ich benötige all meine Konzentration, um in diesem politischen Wirrwarr den Überblick zu behalten, was mir letztendlich kaum gelingt. Ich gestehe, dass ich mich gerade die letzten Absätze ein wenig gequält habe. So ist auch meine gedankliche Ausbeute bzw. dieser Beitrag nicht sonderlich umfangreich. Das Ende naht und damit stellt sich mir langsam die Frage, was ich aus diesem Text von Gordimer mitnehmen werde…..

Eine individuelle Lösung

Der Appell „Lasst euch nicht durch schlechte Politik aus dem Land eures Herzens vertreiben“, mit dem Abschnitt 34 endet, kann für die folgenden Szenen in zweierlei Hinsicht als Orientierungspunkt dienen: Zunächst rückt die Präsidentschaftswahl näher, und großer Favorit ist Zuma, der mehrfach angeklagte und nie verurteilte ehemalige Genosse. Andererseits rückt auch die Auswanderung von Steve und Jabu näher, und es stellt sich die Frage, ob Südafrika überhaupt noch das Land ihrer Herzen ist.

Ich würde diese Frage zu diesem Zeitpunkt mit Nein beantworten. Der Grund: Ob Wohnort, Schule oder Karriere – die Entscheidungen, die Steve und Jabu in den Jahren nach der Apartheid für ihr Leben getroffen haben, waren durchweg private. Die Politik ist zum Großteil zu einer Veranstaltung am Pool der ehemaligen Kirche verkommen. Man redet viel, und tut doch zu wenig (auch in der eigenen Wahrnehmung). Mit jedem Schritt der Individualisierung bricht aber auch ein Stück Gemeinschaft: Zwar kämpft man für Gerechtigkeit und ein gutes Leben, doch der Großteil der Gesellschaft fällt immer weiter zurück. Hier einige wenige Beispiele der in diesen Abschnitten massiven Opposition zwischen Individualisierung und Gemeinwesen:

Die andere Welt, die Misere, wird immer mehr zu einem Außen: Jabu und Steve waren im Flüchtlingscamp vor der methodistischen Kirche, doch sie haben den Ort wieder verlassen, ihr Besuch zeitigte keinerlei Konsequenz zum besseren. Und Jabu wird erneut hingehen, im Auftrag des Justizzentrums, also beruflich, „um sich ein Bild von der Lage zu machen“, sich ein Urteil zu bilden.

Auch die Probleme in Garys Schule werden von Steve und Jabu so diskutiert, als ob Gary gegen die Verführungen einer quasi-faschistisch handelnden Oberstufe gefeit wäre. Opposition zwischen jenen, die den Gefährdungen ausgesetzt ist und dem eigenen Sohn Gary, der ja „stark“ ist und über den Dingen zu stehen scheint.

Auch der Kontakt zu den eigenen Leuten wird schwieriger. Jabu meidet sogar zum ersten Mal ihren Baba, sie kann es vor allem nicht ertragen, dass ihr Geburtsort zu Ostern eine Wahlkampfplattform für Zuma wird. Die zu ihrer Absage gehörige Lüge muss Steve leisten.

Und das bedrückendste Beispiel: Als Jabu gedankenverloren im Stau steht, wird sie vom wohl universalsten Appell eines Bettlers aufgeschreckt:  seine Hand zeigt in den leeren Schlund. Doch „was hätte sie anbieten können“? Als sie dieser Situation (unfreiwillig, der sich auflösende Stau trägt sie mit) entronnen ist, spürt sie zum ersten Mal einen Hass auf die Weißen. Die Frage, woher dieses Gefühl rührt, beantwortet bereits der vorhergehende Satz. Jabus Hass richtet gegen die Weißen, weil sie ihren Weg gegangen ist, von ihrem Baba initiiert. Also letztlich auf sich selbst, auf die Person, die sie auf ihrem privilegierten Weg geworden ist.

Dies ist vielleicht ein Hauptthema des Romans: Jeder wählt, sobald er kann, sobald sein Überleben nicht von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe abhängt, einen individuellen Ausweg, der es jedoch mit sich bringt, dass man sich als Individuum von einer Gemeinschaft entfremdet. Im Fall von Jabu ist dieser Ausweg besonders extrem, ihr Ausweg, so deutet es sich ja an, ist maximal: Australien. Das Erstaunliche daran: So klug Jabu auch sein mag (dies wird ja immer wieder betont), die wichtigsten Stationen auf dem Weg von kwaZulu bis Australien waren fremdbestimmt. Schon die erste Weiche, (weiße) Bildung, wurde von ihrem Vater  festgelegt. Und nun Australien, wohin sie nur mitgeht, nicht selbst die entscheidenden Schritte einleitet.  Eine Fremdbestimmung, die neue Privilegien mit sich bringt: vom um mehrere Zimmer größeren Haus bis zur freien Schulwahl, wieder einmal. Insgesamt ein Verlust von Heimat. Der Hass auf die Weißen, das ist ein Hass auf jene, die ihr den Ort ihres Herzens unmöglich gemacht haben.

S. 346-382 (Wortgalerie)

Nachdem Australien wie aus dem Nichts aufgetaucht ist, dachte ich, dass diese Idee entweder verworfen oder sofort umgesetzt wird. Aber nein, es ist ein langer (Reife-)prozess, der die Suche nach Informationen beinhaltet, das Nachdenken, den Umgang mit Rückschlägen und das Ändern von Plänen… Alles wird sehr glaubhaft dargestellt und ist – im Gegensatz zu anderen Abschnitten – sehr nachvollziehbar geschrieben.

„Das Leben geht weiter. Ob es eine gemeinsame Zukunft gibt oder nicht.“

34. Steve und Jabu beobachten Veränderungen bei COPE. Kapitalismusvorwürfe der Gewerkschaften gegen zwei Mitglieder des Parteivorstands führen zu einer Umverteilung der Posten. Neues Parteioberhaupt wird ein Reverend. Ein Mann Gottes, dem, so Steve, die Wählerstimmen der frommen Lämmer auf dem Land sicher sind. Auch ein postkoloniales Problem.

Ein Pro und Contra zu Auswanderung von Breyten Breytenbach und Max du Preez folgen. „Lasst euch nicht durch schlechte Politik aus dem Land eures Herzens vertreiben.“ S. 349.  Ein Appell an Steve und Jabu?

An Gary E.s Schule kommt es zu Gewalttätigkeiten. Auch hier wurden die Unterlegenen von den Überlegenen gequält unter dem Vorwand einer Initiation. Etwas plakativ ist die Wahl der Instrumente, dem sadistischen Akt dienen die Geräte der Nationalsportarten der einstigen Kolonialmacht, Golf- und Kricketschläger. Damit dies auch jeder versteht, lässt die Autorin auf einer Benefiztour Geld sammeln, um mittellose Schulen ebenfalls mit diesen „Waffen“ auszustatten.

Gary E. bleibt an der Schule, er hat keine Angst Opfer zu werden und er wird, da sind sich seine Eltern sicher, nie zum Täter. Er will nicht weglaufen, denn „er weiß (…) dass das, was hier passiert ist, überall passieren kann, passieren wird. (…) Auch in Australien.“

35. Steve und Jabu besuchen eine Wahlkampfveranstaltung von COPE, „woraus der Schluss zu ziehen wäre, dass die Genossen doch nicht fortgehen.“

36. Jabu wird nur mit einer weiteren Fortbildung als Anwältin in Australien arbeiten können, dies bereitet Steve ein „hauchdünnes Unbehagen“. Übersetzungsfehler? Noch während sie mit ihrer Zukunft als „Anhängsel“ hadert, wird sie auf der Straße mit existentieller Not konfrontiert. Sie versucht zu lindern, wird aber mit dem Strom der Masse mitgerissen.

37. Mit elterlicher Autorität entscheidet mehr Jabu als Steve über die Wahl der neuen Schule in Australien. Sie selbst möchte sich der Autorität ihres Baba nicht aussetzten und schickt Steve mit Gary E. nach KwaZulu. Dort hat dieser eine Veranstaltung mit Zuma organisiert. Der Politiker schickt jedoch ebenfalls nur seinen Stellvertreter.

Die Wirtschaftsnachrichten aus Australien zeigen, daß auch hier die Luft dünner wird, die Rezession macht sich bemerkbar, Einwanderungen werden begrenzt.

Wir nähern uns den letzten hundert Seiten des Romans und seine Autorin streut eine Vielzahl von Hinweisen, die die Auswanderung der Reeds immer unwahrscheinlicher werden lässt. Mir persönlich ist das zu plakativ.