*165-225 (aus.gelesen)

Drei Szenen, drei Themenkomplexe:

I

Jabu, begleiter von Wethu, fährt zu ihrem Vater, da sie ahnt, daß die Vorgänge um Zumba, den alten Weggefährten, ihn sehr mitnehmen werden. In gewohnt verschwörerischer Komplizenschaft reden sie miteinander in des Vaters Arbeitsraum. Doch zweierlei ist neu: die bislang untadelige moralische Integrität des Vaters nimmt Schaden, da nicht sein kann, was nicht sein darf: er hält die Anschuldigungen gegen seinen alten Genossen Zuma für eine Inszenierung, um diesem zu schaden und wähnt die weiße Presse dahinter. Und so wie Jabu ihrem Vater einige für ihn sehr schmerzhafte Details der Verhandlung gegen Zuma nicht erwähnt, so spürt auch der Vater zur Tochter Distanz: er verortet sie durch Umgang und Heirat – zumindest in gewissen Beziehungen – in der Nähe der Weißen…

Und vor dem Gerichtssaal wird skandiert: Verbrennt die Schlampe! Vernichtet das Opfer dem Täter zu Ehren.

II

Jake, der Mann von Isa, fällt der alltäglichen (?) Gewalt auf den Straßen zum Opfer. Er wird auf der Straße angeschossen, für tot gehalten, aber lebt noch, wird operiert und überlebt. Die Freunde organisieren Hilfe für die Familie, um Isa, die Frau, kümmert sich ein Delphin. Ohne genau den Kontext zu wissen, dem dieser Term in Südafrika gewidmet ist, irritiert er immer noch. Für mich ist dieser kleine Absatz zum Schluss des Abschnitts über Jake wieder latent homophob, findet Gordimer es doch der Erwähnung wert, daß ihr Delphin (Homosexueller?) Marc nicht in Frauenkleidern (dann wäre er doch eher Transvestit, oder?) vorübergehend zu Isa in die Wohnung zieht. Ja, ja: Homosexuelle sind nicht nur Frauen, sondern auch Menschen.

III

Steve muss bzw. darf auf Dienstreise nach England, zu einer Fachkonferenz über Umweltgifte, die in allem möglichen zu finden sind. Gordimer schildert vor allem die Begegnungen, die Steve auf dieser Konferenz mit anderen Wissenschaftlern hat, das Freizeitverhalten nimmt großen Raum des Abschnitts ein, Steves Herkunft aus Südafrika führt zu Diskussionen über die skurrilen Ansichten, die dort offiziell über AIDS herrschen.
Zwei Sachen sind mir aufgefallen: zum einen ein latentes Minderwertigkeitsgefühl von Steve a) als Wissenschaftler und b) als Südafrikaner. Zum zweiten die so absolut vorhersehbare Entwicklung, die einsetzt, als die „Dame Lindsay“ (geschwollener kann man kaum formulieren) als Konferenzassistentin in die Geschichte eingeführt wird. Einführen – eine Tätigkeit, die einige Seiten später dann auch Steve, und nicht nur metaphorisch, sondern schweißtreibend und mit vollem Körpereinsatz aufnimmt. Wobei die eventuell geschürte Hoffnungen, diese Szenen würden erotisch oder prickelnd wirken, gleich wieder ad acta gelegt werden können: der Text hierzu ist im wesentlichen genauso verquast wie der Rest der Geschichte. … Jedenfalls: Verrat an der Genossin im südlichen Afrika, Betrug an der Ehefrau zu Hause. Oder doch nur „Was zwischen ihnen [i.e. Steve und Lindsay] war, hatte mit der Folgerichtigkeit des Lebens nichts zu tun. Eine Wirklichkeit außerhalb der Wirklichkeit. Nur in sich real.“ Na, dann ist ja alles gut… Jabu wird Verständnis dafür haben, für diese Wirklichkeit ausserhalb der Wirklichkeit. Denn wirklich, es „…war einfach ein privates Behagen gewesen...“.

Nachtrag:

Da es meine Mitleser/-innen bemerkt haben, will ich es auch sagen: diese Teile des Buches haben sich flüssiger gelesen, da immerhin eine Geschichte erzählt wurde und nicht einfach nur Satzfetzen aneinander gehängt. Man ist ja mit wenigem zufrieden. Verquast ist der Stil aber immer noch, jedoch man soll ja die Hoffnung nicht aufgeben…

S. 188 – 225

Dieser Abschnitt hat mir mit Abstand am besten gefallen. Vielleicht liegt es daran, dass er der bisher längste Abschnitt gewesen ist und mir zum ersten Mal die Möglichkeit gegeben hat, mehr Seiten am Stück zu lesen und tiefer in die Geschichte und in die Art und Weise wie Nadine Gordimer erzählt, einzutauchen.

Wir befinden uns immer noch mit Steve auf dem Kongress in London. Schnell wird deutlich, dass nicht nur die Wissenschaft eine Rolle spielt: man besucht gemeinsam ein Nachtlokal, tanzt, trinkt. Steve begleitet die „PR-Frau“ Lindsay über das Wochenende in das Landhaus ihrer Familie und es kommt zu dem, was sich für mein Empfinden schon länger angedeutet hat: sie schlafen miteinander. Gordimers Beschreibung dieser Szene hat mich schmunzeln lassen, hängengeblieben ist bei mir vor allem der „opportunistische Penis“ von Steve.

Interessant finde ich, dass Steve während seiner Zeit in London in eine ganz andere Welt abtaucht, in ein ganz anderes Leben. Selbst die pflichtschuldigen Anrufe zuhause bei Jabu vergisst er zwischendurch: „Was zwischen ihnen war, hatte mit der Folgerichtigkeit des Lebens nichts zu tun. Eine Wirklichkeit außerhalb der Wirklichkeit. Nur in sich real.“

Angestrichen habe ich mir das Wort Agitprop, ein Kunstwort aus Agitation und Propaganda zusammengesetzt und mir bisher unbekannt.

Sirene im Häschenpyjama

Diesen Abschnitt hatte ich unmittelbar nach dem vorhergehenden gelesen. Das Szenario bleibt weitgehend dasselbe und ich finde Gordimer hat dieses Milieu gut getroffen und an manchen Stellen mit ihrem Sarkasmus gewürzt (Soja-Bart). Endlich schenkt sie uns Lesern mehr Interaktionen und Dialoge. Den Seitensprung Steves empfinde ich nicht überraschend, er unterlag den Verführungen der blonden Sirene, vielleicht etwas naiv, aber menschlich. Wobei „Häschenpyjama“ und „Vorhautschild“ in gleichem Maße albern wirken.

Aber auch in diesem Abschnitt verzichtet die Autorin nicht auf Wiederholungen. Die Felsgrottenmadonna wird uns noch einmal erzählt, warum? Im Übrigen wird sich ein protestantischer Christ, der in seiner Jugend „heidnische“ Rituale praktizierte wohl kaum an traditionell christlichen Bildinhalten stören.

Als Frage bleibt, ob Schweden tatsächlich als das am wenigsten rassistische Land bezeichnet werden kann.

S. 188-225 (Wortgalerie)

Das war der bisher längste Abschnitt und gleichzeitig mit Abstand der beste – sowohl inhaltlich aus auch stilistisch. Darauf habe ich seit Beginn des Romans gewartet. Der Erzähler stoppt die schnellen Kamerafahrten und –wechsel der letzten Abschnitte und stellt das Objektiv scharf, verweilt noch immer bei Steve und dem Kongress in London. Bereits als Lindsay Wilson zum ersten Mal erwähnt wird, ahnte ich, worauf es hinauslaufen wird.

Die Menschen und die Handlungen wirken lebendiger und bekommen endlich mehr Raum. Nicht nur das, es ist auf einmal Platz für andere Thema: Es geht um Klatsch, ums Ausgehen, Triviales und Alltägliches – und nicht um Politik. Umso interessanter ist es zu sehen, dass Steve seine Gedanken an Politik während der Autofahrt mit Lindsay unterdrücken muss. Das zeigt, wie sehr diese Themen in Südafrika und seinem Leben verwurzelt sind.

Ich hoffe, es folgen mehr solcher längere Abschnitte, denn so konnte ich mich deutlich besser in die Handlung hineinfinden. Die Figuren, vor allem Steve, wurde/n lebendiger, z.B.  als er reflektiert, welche Bedeutung der Sex mit Lindsay für ihn hat.