*132-187 (glasperlenspiel13)

Ich habe mir mal die Freiheit genommen und mehrere Abschnitte am Stück, ohne jeglichen Beitrag dazu, gelesen. Es tat gut, nicht jeden Satz zu hinterfragen auch mal einen Absatz zu überspringen, wenn er partout nicht zu verstehen war und ich habe für mich ein schönes Bild gefunden. Nelson Mandela hat sein Südafrika als Regenbogennation beschrieben und so sehe ich auch langsam das Buch. Viele verschiedene Themen werden angeschnitten (Religion, Sexualität, Bildung, Korruption, Familien, Untergrundkampf, Rassendiskriminierung, Exil, Gewalt) und in regelmäßigen Abständen wiederholt, hinterfragt und anhand von Jabus und Steves sozialem Netz dargestellt. Ich sehe das nicht mal negativ, denn so ist zum größten Teil die Realität. Auch an Gordimers Stil habe ich mich langsam gewöhnt. Ich erwarte nicht mehr so viel von ihren Charakteren, so dass ich hin und wieder überrascht bin, wenn wir doch etwas hinter den Vorhang schauen dürfen.

Eines der stärksten Motive der letzten Seiten war: die Konsequenzen der Freiheit. Darunter fällt die angesprochene Korruption, der Waffenhandel der neuen Regierung, der Überfall auf Jake und das neue Bildungssystem, mit dem Jake tagtäglich konfrontiert wird.

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S. 165-177 (Wortgalerie)

Die als eng beschriebene Beziehung zwischen Jabu und ihrem Vater wirkt auf mich erneut unglaubwürdiger. Sie ist nicht in der Lage, offen mit ihm zu sprechen. Die Uneinsichtigkeit ihres Vaters setzt ihr sogar so zu, dass sie früher zurück zu Steve fährt.

Der Szenenwechsel zu Jake kam mir zu abrupt, aber das ist mittlerweile nichts Neues mehr.

Wem darf man was erzählen?

In diesem Abschnitt wird zum vierten Mal wiedergegeben, dass Jacob Zuma wegen angeblicher Vergewaltigung vor Gericht stand. Das ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil es  einiges über die Erzählökonomie des Romans verrät. Der Text lebt von Aussparungen. Er zensiert sich selbst, indem er die erzählten Inhalte je nach Kontext anders gewichtet/verändert. Mit wem spricht man worüber? Was behält man für sich?

Hier die vier Szenen:

1. Ein Gedanke Jabus unterbricht die Diskussion des Vorstadtkreises über Korruption: Er wurde angeklagt. Und er stand wegen einer anderen Sache vor Gericht – Vergewaltigung. – Sie war im Gerichtssaal, bei der Verhandlung und bei seinem Freispruch. (S. 152)

2. Diesmal liegt der Fokus auf der postkoitalen Dusche und wird im Plauderton der Vorstadt erörtert. (S. 159)

3. Die dritte Erwähnung ist nüchtern, ernüchtert, neutral gehalten und konzentriert sich auf Jabu, die der Verhandlung im Gerichtssaal beiwohnt. (S. 161)

4. Im und nach dem Gespräch mit ihrem Vater wird die Episode emotional, aber verkürzt wiedererzählt: Sie kann ihrem Vater nicht von der anderen stolzgeschwellten Aussage vor Gericht erzählen – dass ein Zulu-Mann »eine Frau nicht einfach stehen lassen kann, wenn sie in diesem Zustand ist«. (S. 170)

Abrupt beendet wird Jabus emotionale Erschütterung durch einen zweiten Erzählsstrang, der dieses Verfahren en miniature wiederholt:

  1. Jake ist angeschossen worden, der Halswirbel zertrümmert.
  2. Jabu ist zu Hause angekommen, sie erfährt von dem Vorfall in unzusammenhängenden Bruchstücken: der Tote wurde von Obdachlosen entdeckt – er ist nicht tot – er wird im Krankenhaus untersucht – er befindet sich im OP
  3. Den Kindern Jakes wird zunächst eine Lüge aufgetischt: Unfall, Massenkarambolage, nicht lebensgefährlich.
  4. Erst nachdem die Kugel entfernt wurde, erzählt Jabu dem Älteren die Wahrheit.

Verklemmungen

Jabus Besuch bei ihrem Vater wirkt auf mich wie eine Audienz beim Patriarchen. Ihr Versuch über Zuma zu sprechen scheitert kläglich. Jabu traut sich nicht die Wahrheit zu sagen, genauso wie sie damals nicht hinterfragte, mit welchem Recht Baba über das Schicksal Wethus verfügt.

„…aber Jabu hatte nicht die Zeit und nicht die Absicht, ein Wort des Unbehagens darüber zu verlieren, dass die Frau fern der Heimat leben musste.“ S. 162

Ebenso traut sie sich nicht die ungeheuerliche Rechtfertigung Zumas zu wiederholen. Ein weiteres Mal frage ich mich, wer hier verklemmt ist, Baba und Jabu, oder ihre immerhin 88-jährige Erfinderin?

Die gleiche Frage stellte sich mir bei ihrer Erwähnung von Marcs Einzug bei Isa. Die Zusatzerklärung „Nicht in Frauenkleidern, als eine Frau wie sie. Sondern als Mensch wie sie.“ ist unnötig.

S. 165 – 177

Jabu fährt nach der Verhandlung gegen Zuma gemeinsam mit Wethu ihren Vater besuchen. Sie ist erschüttert darüber, dass ihr Vater und sie sich uneinig sind. Die Meinungen von Vater und Tochter, die so viel miteinander teilen, geht in diesem Fall auseinander. Jabus Vater wittert eine Verschwörung gegen Zuma, eine Verschwörung der Medien, eine Schmutzkampagne der Presse. Unausgesprochen bleibt der Vorwurf, dass es sich um eine Verschwörung der Weißen handelt. Jabu bricht ihren Aufenthalt bei ihrem Vater vorzeitig ab und kehrt zu Steve und den Kindern zurück.

Im zweiten Teil des Abschnitts wechselt die Thematik abrupt: auf Jake wurde ein Anschlag verübt, er liegt schwer verletzt im Krankenhaus. Von wem und warum hat sich mir nicht erschließen können. Auf wenigen Seiten hetzt Nadine Gordimer durch diese Episode: Anschlag, Krankenhaus, Rehaklinik – all dies wird auf wenigen Seiten beschrieben. Der Abschnitt endet damit, dass Marc, einer der Delphine, bei Isa einzieht, um sie während der Abwesenheit ihres Mannes zu unterstützen. Ich würde mich bei Nadine Gordimer nicht wundern, wenn Marc durch das Zusammensein mit einer Frau von seiner Homesexualität „geheilt“ werden würde.

Störend aufgefallen sind mir in diesem Abschnitt wieder einige Sätze, die als Frage formuliert sind, aber mit einem Punkt abschließen: Aber soll Zuma gerettet werden. […] was wissen wir denn. Aber das Thema Sexualität.

„Was ist der Mensch und was kann aus ihm werden?“

Im vierten Buch von Laurence Sternes „Tristram Shandy“ gibt es das berühmte herausgerissene 24. Kapitel. Es wurde von Erzähler deshalb aus dem Buch entfernt, weil es zu gut war und so durch den Kontrast die Mittelmäßigkeit alles vorangegangenen (und vielleicht auch des noch kommenden) herausgestellt hätte:

… der Abfall war zu jäh; das hier ist so gänzlich verschieden vom übrigen Werk, daß ich mich beim ersten Satz auf dem Flug in eine andere Welt fühlte und darum das Tal, aus dem ich gekommen, so tief und drückend und elend fand, daß ich niemals ein Herz haben werde, noch einmal hinabzusteigen.

☞ Ein Zwerg, der einen Maßstab bei sich führt, um damit seine eigene Länge zu messen – glauben Sie mir’s auf mein Wort – ist in mehr als einem Sinne ein Zwerg. Soviel über das Ausreißen von Kapiteln. (Übersetzung: Rudolf Kassner)

In diesem Sinne stellt die Begegnung Jabus mit Ihrem Vater eine echte Überraschung dar. Jabu findet in ihrem Vater einen der Leugner jener Realität, die sie im Prozess gegen Jacob Zuma erfahren hat. Er glaubt, wie jene Anhänger Zumas, die vor dem Gerichtsgebäude protestiert und die Verbrennung der jungen Frau gefordert haben, an eine von den Weißen inszenierte, politische Kampagne gegen Zuma.

Jabu ist von dieser Erfahrung der Uneinigkeit mit ihrem Vater tief verstört; sie bricht ihren Besuch bei der Familie vorzeitig ab und gelangt auf der Rückfahrt zu einer erstaunlich tiefen Konsequenz dieses Konflikts mit ihrem Vater:

Es ist denkbar, dass ihr Vater, als er ihr gestern gegenübersaß, ihr Vater, der ihr als Kind die rechtmäßigen Chancen erkämpft, [sie] dem Rassenprivileg entrissen hat – dass ihr Vater sie, seine private Revolutionsleistung, als Teil der Weißen sieht, die Zuma fürchten und vernichten wollen. (S. 172.)

Einen Konflikt von solcher Tiefe und Unlösbarkeit hat das Buch bislang nicht gekannt. Hier taucht zum ersten Mal etwas tatsächlich zutiefst Menschliches auf, das das Erzählen lohnen könnte. Wollen wir hoffen, dass es nicht zum nicht herausgerissenen Abschnitt gerät!

Den Rest des Abschnitts füllt wieder einmal etwas gänzlich anderes: Jake, einer der alten Genossen des Ehepaars Reed, wird entführt, beraubt und beinahe umgebracht. In der Not seiner Familie während Jakes Rekonvaleszenz erweist sich Marc, der Theaterautor aus der Schwulen-WG, als der einzige, der Willens und in der Lage ist, praktische Hilfe zu leisten. Einmal mehr soll wohl auch hier die Beschreibung einer menschlichen Trivialität Bedeutsamkeit suggerieren und tut doch nicht mehr, als einige Zeilen zu füllen.