*132-187 (glasperlenspiel13)

Ich habe mir mal die Freiheit genommen und mehrere Abschnitte am Stück, ohne jeglichen Beitrag dazu, gelesen. Es tat gut, nicht jeden Satz zu hinterfragen auch mal einen Absatz zu überspringen, wenn er partout nicht zu verstehen war und ich habe für mich ein schönes Bild gefunden. Nelson Mandela hat sein Südafrika als Regenbogennation beschrieben und so sehe ich auch langsam das Buch. Viele verschiedene Themen werden angeschnitten (Religion, Sexualität, Bildung, Korruption, Familien, Untergrundkampf, Rassendiskriminierung, Exil, Gewalt) und in regelmäßigen Abständen wiederholt, hinterfragt und anhand von Jabus und Steves sozialem Netz dargestellt. Ich sehe das nicht mal negativ, denn so ist zum größten Teil die Realität. Auch an Gordimers Stil habe ich mich langsam gewöhnt. Ich erwarte nicht mehr so viel von ihren Charakteren, so dass ich hin und wieder überrascht bin, wenn wir doch etwas hinter den Vorhang schauen dürfen.

Eines der stärksten Motive der letzten Seiten war: die Konsequenzen der Freiheit. Darunter fällt die angesprochene Korruption, der Waffenhandel der neuen Regierung, der Überfall auf Jake und das neue Bildungssystem, mit dem Jake tagtäglich konfrontiert wird.

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Die „ware“ burische Vorstadt


Dem bereits Gesagten meiner Vorredner lässt sich wenig hinzufügen. Jabu, die Gutmenschin, fährt endlich aus der Haut. Leider erfahren wir auch hier keine Details. Was hat sie zertrümmert? Irgendeinen Nippes, den die Delphine angeschleppt haben?

Nie hätte sie gedacht, daß schwarze Exgenossen nach zehn Jahren Antigone auf Robben Island Arschlöcher sein könnten. Sollte uns Gordimers Motiv Analverkehr auf diese Überraschung vorbereiten?

Steve hingegen ist schockiert, daß Zuma jetzt dort wohnt, wo er als Kind mit dem Roller vorbei rauschte, das war doch die ware burische Vorstadt.

Ein mageres Kapitel mit uninspirierter Abhandlung des Zuma-Skandals.

Welle der Verharmlosung

Während man im geselligen Kreis der Vorstadt noch über Zumas Verwicklung in Waffengeschäfte diskutiert, stülpt sich eine zweite Affäre über die erste: Jacob Zuma steht wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung (Vielleicht war es ebendieser Oktoberabend, an dem es geschah?) vor Gericht.

Auf den Vorstadtfamilientreffen wird auch dieser Skandal auf eine dem Gegenstand nicht entsprechende Weise behandelt, man macht sich, etwas hilflos, schadenfroh, darüber lustig – es wird getratscht. Im Mittelpunkt steht nicht der Vorwurf der Vergewaltigung, sondern Zumas absurdes Ablenkungsmanöver: Da das Opfer HIV-infiziert war, habe er sich mit einer postkoitalen Dusche gegen eine mögliche Ansteckung geschützt. Wie schon im vorigen Abschnitt die Korruptionsvorwürfe, werden diesmal die neuen Anschuldigungen gegen Zuma auf einer eigenartigen Spassebene diskutiert. Im Mittelpunkt steht dessen absurde Haltung zu Aids. Die einzige, die gegen diese Welle der Verharmlosung, die die Sonntags-Kommunarden ergriffen hat, immun zu sein scheint, ist Jabu: – Das ist doch nicht zu fassen, dass diese selben Genossen Anführer vergessen hätten, was sie waren, was sie erkämpft haben!

S. 157-160 (Wortgalerie)

Waffenhandel und Korruption in der Regierung – es hat fast den Anschein, als würde Jabu jederzeit wieder kämpfen wollen. Doch das gerät in den Hintergrund, als zum ersten Mal im Roman von HIV die Rede ist. Allerdings nicht so, wie ich es erwartet hätte: Es wird eine Anekdote von Vizepräsident Zuma erzählt, der Duschen für ein geeignetes Mittel gegen HIV hält, und Jabu und ihre Genossen amüsieren sich darüber.

S. 157 – 160

Es handelt sich um einen sehr kurzen Abschnitt, der jedoch einiges enthält, das interessant sein könnte. Nadine Gordimer thematisiert wieder den Politiker Jacob Zuma und fokussiert sich dabei auf einen Vergewaltigungsvorwurf, der 2005 gegen ihn erhoben wurde. (Das heißt, dass wir uns zeitlich gesehen mittlerweile mindestens im Jahr 2005 befinden müssen, was mich überrascht.) Ich fand den Abschnitt über Jacob Zuma interessant und gleichzeitig natürlich auch erschreckend. Ich verstehe nur nicht ganz, warum Nadine Gordimer diese Geschichte in dieser Art und Weise erzählt. Das, was sie erzählt hat so wenig Leben, so wenig Inhalt. Ich habe mir danach den Artikel über Jacob Zuma bei Wikipedia durchgelesen und es gab eigentlich kein Unterschied zu der Lektüre von Nadine Gordimer:

„Im Dezember 2005 beschuldigte überdies die Tochter eines früheren Genossen Zuma der Vergewaltigung. Nach einem zweimonatigen Verfahren wurde er freigesprochen, der Geschlechtsverkehr habe einvernehmlich stattgefunden. In diesem Zusammenhang legte Zuma dar, dass er von der HIV-Infektion seiner Partnerin gewusst habe und nach dem Geschlechtsverkehr eine Dusche genommen habe, um sich dagegen zu schützen. Der bekannte südafrikanische Karikaturist Zapiro stellte Zuma danach nur noch mit einer Brause auf dem Kopf dar. Während des Verfahrens demonstrierten Tausende seiner Anhänger vor dem Gerichtsgebäude.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Jacob_Zuma#Vergewaltigungsvorwurf)

Mein Eindruck, dass Jabu sich weiter entwickelt, scheint sich auch in diesem Abschnitt zu bestätigen. Sie begehrt auf, an einer Stelle schlägt sie mit der Faust auf den Tisch und zertrümmert etwas.

Freiheit als Schmiergeld

Langsam geht es ans Eingemachte (hoffentlich! endlich!): Die nächsten Abschnitte drehen sich um den Vergewaltigungsprozess, der 2006 gegen den heutigen Staatspräsidenten Südafrikas Jacob Zuma geführt worden ist. Angezeigt worden war Zuma von der Tochter eines früheren Kampfgenossen:

Wahrscheinlich logen beide, jedenfalls hatten sie Geschlechtsverkehr – die einzige eingestandene Tatsache. (S. 159.)

Zuma wusste von der Aids-Erkrankung der jungen Frau und gibt sich dem Gespött der Presse und der Öffentlichkeit preis, als er zugibt, sich nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr mit der Frau „als, wie er sagte, postkoitale Maßnahme gegen Ansteckung, unter die Dusche“ (S. 159) gestellt zu haben.

Jabu leidet heftig unter der politischen Wirklichkeit, die ihre Ideale und ihre Naivität zermalmt:

Jabu schlägt mit der Faust auf den Tisch, zertrümmert irgendetwas. – Das ist doch nicht zu fassen, dass diese selben Genossen Anführer vergessen hätten, was sie waren, was sie erkämpft haben! Für Freiheit als Bestechung, Freiheit als Schmiergeld. – (S. 158.)

Offensichtlich liefert die Naivität Jabus Gelegenheit, die Entrüstung der Autorin über die nachrevolutionären Verhältnisse auszudrücken. Allerdings hat sie immer noch nicht die Frage beantwortet, die sie selbst zuvor gestellt hat: Warum hat sie angenommen, dass die Revolutionäre, die neuen Politiker anders sein würden als die meisten Politiker und Mächtigen aller Zeiten? Warum sollte gerade Südafrika eine Ausnahme bilden? Sie selbst nennt Korruption im Zusammenhang mit Waffenhandel das „Klischee schlechthin“ (S. 157).

Mir ist nach wie vor unklar, wem und zu welchem Ende Gordimer all dies erzählt.