*132-187 (glasperlenspiel13)

Ich habe mir mal die Freiheit genommen und mehrere Abschnitte am Stück, ohne jeglichen Beitrag dazu, gelesen. Es tat gut, nicht jeden Satz zu hinterfragen auch mal einen Absatz zu überspringen, wenn er partout nicht zu verstehen war und ich habe für mich ein schönes Bild gefunden. Nelson Mandela hat sein Südafrika als Regenbogennation beschrieben und so sehe ich auch langsam das Buch. Viele verschiedene Themen werden angeschnitten (Religion, Sexualität, Bildung, Korruption, Familien, Untergrundkampf, Rassendiskriminierung, Exil, Gewalt) und in regelmäßigen Abständen wiederholt, hinterfragt und anhand von Jabus und Steves sozialem Netz dargestellt. Ich sehe das nicht mal negativ, denn so ist zum größten Teil die Realität. Auch an Gordimers Stil habe ich mich langsam gewöhnt. Ich erwarte nicht mehr so viel von ihren Charakteren, so dass ich hin und wieder überrascht bin, wenn wir doch etwas hinter den Vorhang schauen dürfen.

Eines der stärksten Motive der letzten Seiten war: die Konsequenzen der Freiheit. Darunter fällt die angesprochene Korruption, der Waffenhandel der neuen Regierung, der Überfall auf Jake und das neue Bildungssystem, mit dem Jake tagtäglich konfrontiert wird.

*119-146 (aus.gelesen)

so, ich bin am nacharbeiten…. jetzt der erste teil der aufholjagd…

also, steve und juba machen urlaub im ausland, so wie alle anderen auch. schwägerin brenda sucht für juba (dem „schwarzen Trumpf der Familie Reed“) und ihren mann einen günstigen Flug nach — na, London natürlich. Dort wird das „Mann/Frau-Abkommen“ zwischen ihnen gebrochen, denn im ausland „wird man jemand anderes“…

auslandurlaub: ist das verrat an den idealen? oder passt man sich einfach nur den gegebenheiten an? in london gibt es jedenfalls normale touristenvergnügen, museumsbesichtigungen etc pp. sie wohnen bei emigrierten landsleuten, ärzten.. hier tritt auch die einzig erwähnenswerte situation ein: die frage steves nämlich, ob und wann diese zurückkommen in ihr land…. peinliches berührtsein, offensichtlich planen sie das nicht.

in den zwei wochen freiheit von der pflicht zum kampf (vulgo: urlaub) haben sie noch nicht einmal die kinder vermisst.

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„Die Vorstadt der Schwulen und Genossen“ gewinnt an sozialer reputation, die grundstückpreise steigen und steve und jabu stehen vor der nächsten etappe auf dem weg in´s bürgerliche establishment: dem hauskauf, um der gefahr vorzubeugen, den mietvertrag gekündigt zu bekommen. Wieder wurden prinzipien, die im realen leben so unpraktisch sind, über bord geworfen…

recht zusammenhangs- und übergangslos wird die korruptheit der politischen klasse erwähnt und diskutiert, insbesondere im zusammenhang mit waffengeschäften. es fällt der name von zuma, stellvertreter des präsidenten.

jabu erscheint mir die figur, die gordimer mit der meisten zuneigung zeichnet. sie ist diejenige, die ihre wurzeln behalten hat. diese liegen bei ihrem vater in der alten clangesellschaft des dorfes, in das sie wieder fährt, damit dieser gary elias unter seine fittiche nehmen kann. die beste zeit dafür ist ostern.

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steve und jabu.. während jabu durch die qualität ihrer arbeit auffällt und es versteht, zwischen beruflichem weiterkommen und ihren prinzipien eine art kompromiss zu schließen, ist von steve eher als „altlinkem“ die rede, der – es muss ja jetzt schon jahrzehnte so sein, hat irgendjemand konkrete zeitangaben? – unermüdlich versucht, die zugesicherten rechte seiner studenten in die praxis umzusetzen. ein lebendes fossil, der „Übriggebliebene aus den Zeiten des Kampfes.“

wieder das thema „homosexuelle“, das in südafrika offensichtlich wirklich ein thema ist. marc aus der schwulengruppe bringt sein theaterstück mit viel erfolg auf die bühne, jabu besucht es zusammen mit einem kollegen… steve hat andere verpflichtungen, am abend tauscht er sich mit jabu aus und entlockt seiner frau ein säuerliches lächeln. und mir stirnrunzeln, weil mir der abschnitt unverständlich bleibt…

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gordimer bleibt ihrem stil treu: der mangel an fragezeichen wird durch kommata überkompensiert, die wortgeröllhalde eines verquasten schreibstils, der den leser (potentiell) so auf abstand zu halten vermag, daß dieser sogar die buchdeckel schließen möchte, um derart zeit zu gewinnen, andere südafrikanische autoren zu lesen (so ihm das land nicht durch diese zeit, die wie keine ist, verleidet wurde…), wächst und wächst und wächst.

S. 132-156 (Wortgalerie)

Es passiert nicht viel, die Handlung verläuft gleichförmig. Der Erzähler umkreist immer wieder dieselben Themen und springt zwischen ihnen hin und her: Karriere, Familie, Homosexualität und Politik. In Nebensätzen erfahren wir z.B. dass Gary Elias mittlerweile ruhiger geworden ist und noch immer gerne Zeit mit seinem Großvater verbringt.

Ich habe drei Sätze gefunden, die mir gut gefallen, und durchaus die Qualitäten eines Aphorismus haben:
„Was ist Liebe? Das erfährt man erst unterwegs. Es ist nicht das, was einen am Anfang überwältigt hat.“ (S. 141).

Widersprüche

Das Land entwickelt sich, doch mit diesem Fortschritt werden auch die Widersprüche im „Niemandsland zwischen den Gipfeln der Reichen und den Niederungen der Armut“ größer:
Lehrer in Privatschulen werden angemessen bezahlt, während Lehrer an staatlichen Schulen weiterhin miserabel entlohnt werden.
Als Dozent stehen einem viele Möglichkeiten offen, man kann an renommierten Universitäten weltweit gut bezahlte Posten finden – oder sich wie Steve, der Übriggebliebene, im Kleinkrieg der örtlichen Universität aufreiben.
Man kann sich über die Öffnung der Universität freuen und sich gleichzeitig darüber empören, dass sich der eigene Nachwuchs keine Studienplätze leisten kann.

Im Privaten spiegeln sich diese Brüche auch in der Beziehung zwischen Steve und Jabu. Noch  eigenen Bett – also an einem Ort, den „sie mit niemandem sonst teilte“ – redet er über die anderen.

Aufklärende Kraft der Kunst

Leider wieder ein Kapitel voller Satzfragmente, deren Zusammenhalt durch die reiche Zugabe von Satzzeichen kaum verbessert wird. „In der Partnerschaft der Ideale Liebe, sexuelle Erfüllung und Zukunftspfand Kinder, die das Mysterium namens Ehe ist, ist die Bildung Steves Abteilung. Felsen ist unter ihren Füßen, unter der unterschiedlichen Arbeit, die jeder tut; ihre gemeinsamen Überzeugungen.“

Inhaltlich wird das aufkommende Nationalgefühl dem panafrikanistischen Gedanken gegenübergestellt, wenn Jabu befürchtet, Studenten anderer afrikanischer Staaten könnten den schwarzen Südafrikanern die Studienplätze wegnehmen. Ubuntu gilt wohl nicht für alle. Dafür geht ihr dank der aufklärenden Kraft der Kunst ein kleines Licht auf, das der Delphinpool widerspiegelt.

Überflüssig finde ich die Wiederholung von Steves und Jabus Bildungsgeschichte.

Steve, der Philosoph

Wie die meisten Abschnitte hat auch der 15. mehrere Schwerpunkte: Einer ist die Ankunft eines neuen Professors an Steves Uni. Professor Nduka ist Nigerianer und soll die Attraktivität der Uni für ausländische Studenten erhöhen. Er befreundet sich mit Steve und seinem Kreis. Er macht Jabu Komplimente über ihre Brüste. Was er für eine Rolle spielt oder spielen soll, bleibt vorerst völlig unklar.

Anschließend geht Jabu ins Theater; das inzwischen mehrfach erwähnte Theaterstück Marcs, eines Mitbewohners der Schwulen-WG, hat Premiere. Jabu lernt dabei etwas: „ich glaube nicht, dass ich die Einzige war, die erkannt hat, was für Vorurteile wir oft noch haben, ohne es zu merken“. Es ist immer schön, wenn ein Schriftsteller eine seiner Figuren den Sinn des bisher Erzählten zusammenfassen lässt, damit auch die unaufmerksamen Leser eine Chance haben, eine Moral aus der Lektüre mitzunehmen.

Den Gipfel aber erreicht diesmal Steve, der auf die Feststellung seiner Frau, Homosexuelle würden sich über sich selbst lustig machen können, folgendes zu Protokoll gibt:

Na ja, wenn man das schafft, ist man gewappnet gegen alles, was die anderen über einen sagen; wenn man selber Witze über sich macht, nimmt man dem Spott der anderen den Wind aus den Segeln, legt sich ein dickes Fell zu, an dem Abscheu und Verachtung abprallen.

Ja, nur Plattitüden dringen immer noch durch!