*119-131 (glasperlenspiel13)

Jabu und Steve fahren ins Ausland – nach London. Werden dort von exilierten Freunden aufgenommen und versorgt. Und tatsächlich hätte es mich interessiert, eine kontroverse Diskussion zwischen „Daheimgebliebenen“ und „Exilierten“ zu lesen. Auch das wird wieder mal auf einer halben Seite abgearbeitet. Schade.

S. 119 – 131 (Bibliophilins Notizen)

Steve und Jabu fahren in Urlaub. Zum ersten Mal. Ohne Kinder und ohne Verpflichtungen. Sie genießen ihre Zeit. Während ich diese Zeilen lese, seufze ich innerlich, weil ich noch nie in England war und gerne dieses Land kennen lernen würde.
Das Ehepaar freut sich über die Freiheit, unterwegs sein zu dürfen und vermisst seine Kinder nicht. Aber auch die Kinder scheinen eine gute Zeit ohne ihre Eltern verbracht zu haben. Im Licht der andern Kapiteln, in denen der Leser erfährt, was für Jabu und Steve wichtig ist, wundert mich das nicht mehr. Trotzdem finde ich es schade.

S. 119-131 (Wortgalerie)

Es gibt wieder einmal viele Szenen-, Orts- und Stimmungswechsel auf kleinem Raum und gleich zu Beginn eine Formulierung, die eine Umarmung beschreibt, mit der ich nicht viel anfangen kann: „[…] aber als Jabu wieder freigegeben wurde, waren die Frauen zwei klingende Glocken“ (S. 121). Vermutlich weil beide so viel Schmuck tragen, aber solche Sätze stören den Lesefluss.

„An einem anderen Ort wird man jemand anderes. Nicht, dass das unangenehm wäre“ (S. 124) – Ein Satz wie dieser steigert die Erwartungshaltung an den Urlaub, doch ich hatte nicht den Eindruck, dass der Urlaub etwas in Steve und Jabu verändert hat. Es ist ihr erster Urlaub und sie sind das erste Mal außerhalb Afrikas, doch die zwei Wochen London werden zusammengerafft und gehen so schnell vorbei wie ein unbedeutender Wimpernschlag.

Glanz und Elend der modernen Literatur

Eine kurze Anmerkung zu dem von Bonaventura zitierten Satz:

[…] ein Café, wo sie hinter einer beschlagenen Fensterscheibe saßen und, in einem Punkt einig, einem anderen uneins, immer hingerissen, über das Erlebte diskutierten. (S. 127)

Ja schade, man hätte gerne erfahren, was die beiden sich hier zu erzählen haben. Doch leider sitzen sie hinter einer beschlagenen Fensterscheibe. Insofern ist die Szene mal wieder sehr leserunfreundlich, aber konsequent. Ist  das hinter bewusst platziert, verbiet sich jede inhaltliche Aussage zum Gespräch. Steht man also sozusagen vor der Scheibe, gibt es nur die visuelle Beobachtung: in ihren Gesten erkennt man, sie sind sich in einem Punkt einig, im nächsten nicht.

„Geh, wir haben grobe Sinne.“

S. 119 – 131

Nach dem Tiefpunkt des vorherigen Abschnitts, fiel es mir schwer, das Buch wieder in die Hand zu nehmen. Ich werde einfach nicht warm. Nicht warm mit der Geschichte, nicht warm mit Gordimers Sprache, nicht warm mit den Figuren. Ich brauche nicht immer kuschlige Wärme wenn ich ein Buch lese, aber bei Gordimer schlägt mir schon fast eine eisige Kälte entgegen.

Es geht in diesem Abschnitt um Familie, Heimat und das Reisen. Nadine Gordimer (oder sollte ich besser sagen der Erzähler? Es fällt mir schwer dies zu trennen) philosophiert über Familie, über die Kernfamilie und darüber, dass sich der Begriff Familie – der aus einer Zeit stammt, in der es um das Überleben ging – gewandelt hat. Steve empfindet keine stark ausgeprägte familiäre Bindung zu dem „Reed-Clan“, von den meisten Familientreffen hält er sich fern.

Steve und Jabu werden von Nadine Gordimer nach London geschickt. Zum ersten Mal verlassen sie den afrikanischen Kontinent. So exotisch erscheint ihnen London dann aber doch nicht: den Tee und das Ei-Speck-Frühstück kennen sie ja schon. Die Kinder haben sie übrigens zu Hause bei Freunden gelassen. Vermisst haben sie sie nicht. Vermissen ist ein „unnatürliches Gefühl“.

An einer Stelle wird Jabu als „schwarzer Trumpf“ der Familie Reed bezeichnet – diese Formulierungen bereiten mir immer wieder Kopfschmerzen.

Urlaub in der Ursprungsheimat

Leonardo da Vinci 027Gordimer variiert in diesem Kapitel das Motiv Heimat. Wo ist man zu Hause, dort, wo man herkommt, wo die Ursprünge liegen, oder dort, wo man lebt? Südafrika oder Großbritannien?

Jabu und Steve reisen nach London, hier liegen die genetischen Wurzeln Steves und die religiösen Wurzeln Jabu Rebeccas. Wenn auch Keimzelle des Imperialismus so ging von diesem Staat auch die Befreiung schwarzer Sklaven und deren Rücksiedlung in die afrikanische Heimat aus.

Die Urlauber lauschen einer Jazzsängerin „von zu Hause, sie hat es in London geschafft“. Sie wohnen bei Genossen aus der Heimat, die nicht mehr in diese zurückkehren wollen. Deren Zuhause liegt jetzt da, wo ihre Möglichkeiten liegen.

Amüsant fand ich wie Brenda Jabu als Quotenschwarze der Familie Reed interpretiert und Jabus Begeisterung über Leonardos Felsgrottenmadonna. Ich glaube, Baba wird sich über diese Postkarte freuen, denn außer Maria und dem Jesusknaben findet sich auch Johannes darauf. Der spätere Täufer genießt sicherlich besonderes Ansehen bei den schwarzen Heidenkindlein.

Zwei Wochen London

Weil gerade Zeit ist und der Autorin sonst nichts anderes einfällt, schickt sie ihre beiden Protagonisten für 14 Tage in Urlaub. 14 Tage London – daraus kann man 130 Seiten machen oder 13. Wie nicht anders zu erwarten, werden touristische Klischees abgehaspelt: Kew Gardens, Hyde Park, das Globe, British Museum, National Gallery und ein Jazzclub. Okay, ich gebe zu, China Town wird nicht erwähnt; das will ich Gordimer gern zugutehalten.

In einem Satz konzentriert sich das ganze Elend dieses Buches:

[…] ein Café, wo sie hinter einer beschlagenen Fensterscheibe saßen und, in einem Punkt einig, einem anderen uneins, immer hingerissen, über das Erlebte diskutierten. (S. 127)

Punkt. Ende. Aus. Kein weiteres Wort über die „Entdeckung des Geheimnisses der Kunst“ (S. 126), über die Hingerissenheit der Protagonisten, über ihre Einigkeit und Uneinigkeit. Was soll mich interessieren an der Mitteilung, dass sich zwei Menschen zugleich einig und uneinig sind? Das versteht sich von selbst daraus, dass es Menschen sind. Immer wieder wird in diesem Buch irgend etwas nur behauptet, anstatt es zu erzählen.