*100-109 (aus.gelesen)

und immer wieder entsteht die frage nach den zeitlichen abläufen.. in welchem jahr liegt der bezugspunkt für die sehr individuelle zeitrechnung: drei jahre nach beginn des neuen, freien lebens….

im gegensatz zur schwester ist der bruder gary elias ein schwieriges, weil aggressives kind. jabu schlägt vor, ihn zu ihrem vater zu bringen, was steve leicht irritiert, da dieser keine bindung an seinen eigenen vater hatte, ihm diese enge bindung also etwas ungewöhnlich erscheint…

jabu und ihr vater sprechen miteinander: „..Die Synthese der Kommunikation: kulturelle Autorität der heimatlichen Sprache in Verbindung mit der anderen, rechtmäßig übernommenen, weil vom Kolonialismus befreiten – das schafft eine Intimität, die sie mit niemand anderem teilen…“

auf die frage des vaters nach gary sagt jabu, daß dieser von ihnen als objekt der elternliebe herhalten muss. baba rät daher, was wahrscheinlich nicht nur in südafrika gilt… : „..Ein Junge muss Pflichten haben. Ja, er muss etwas für euch tun. Ja. Eine Familie kann nicht zusammenleben, wenn die Kinder nicht eingebunden sind in den Alltag. Wenn sie das haben, diese Pflichten (er sprach in ihrer Sprache, wechselte jetzt aber in den besonderen schroffen Rhythmus des Englischen), Aufgaben, die sie nicht besonders mögen, dann erleben sie, dass sie wichtig sind, dass sie nicht nur da sind für, wie sagst du, Liebe…

im kreis der familie und verwandten wird sich unterhalten, gelacht und gescherzt, jabu gibt auskunft über ihr leben, ihre tätigkeit: „..Sie arbeitet für die Gerechtigkeit, für das, was richtig ist...“

„..Seine Schärfe ist wohlwollend – nicht herablassend?..“ in diesem satz steht jetzt eins der fragezeichen, die ich sonst so oft vermisse.

facit für diesen abschnitt: im grunde immer wieder dasselbe, sieht man mal von den aktuellen erziehungsproblemen mit gary ab. bei aller nähe und liebe gibt es zwischen jabu und steve eine distanz, die in manchen momenten zwischen ihnen steht. jetzt, in der neuen, freien zeit ist das leben so vielfältig und nicht nur auf ein ziel fokussiert wie davor, daß sie dies öfter spüren.

* 100-109 (glasperlenspiel13)

Ein kleiner Lichtblick. In diesem Abschnitt fühle ich mich wohl. Verstehe, begreife und entdecke weitere Facetten von Steve und Jabu.

In einem parallel lesendem Buch von Meir Shalev lese ich folgende Zeilen:

„Mir (als Fünfjährigen) die Zügel des Pferdes zu überlassen, war weit mehr als ein Spiel. Es war Ausdruck einer Haltung, die heute mehr und mehr abhandenkommt: Man gab kleinen Kindern das Gefühl, dass man ihnen etwas zutraute, ihnen Verantwortung übertrug und – später – auch von ihnen erwartete, ihren Teil beizutragen und sich nützlich zu machen.“

Als hätte sich Jabus Vater in dieses Buch geschummelt.

S. 100 – 109 (Bibliophilins Notizen)

Ich mag diesen Abschnitt. Auch wenn andere hier Einiges zu kritisieren haben, habe ich mich auf diesen Seiten treiben lassen. Ich möchte nicht interpretieren. Das tun meine KollegInnen hier zur Genüge. Ich möchte auch nicht alles wiederholen. Ich möchte allerdings meine Lieblingsstelle (S. 109) zeigen, die unter anderem fragwürdige? Interpunktion beinhaltet, worüber wir uns immer wieder ärgern 😉
Außerdem Unsensibilität von Steve und die verschiedenen Nuancen der Beziehung zwischen Steve und Jabu. Und ein bisschen Liebe obendrauf.

Unentschieden

Es ist noch nicht entschieden, ob der schwierige Charakter Gary Elias‘ tatsächlich mit den Methoden seines Großvaters zu bändigen ist. Fest steht nur, dass Jabu dies glaubt. Der Aufenthalt in KwaZulu  ist für Gary auch gar nicht von der Präsenz des Großvaters geprägt, sondern von Natur und Nervenkitzel. Der alte Patriarch ist vor allem für Jabu omnipräsent und nur aus Jabus Perspektive erfährt der Leser etwas von diesem Ausflug. Nur an einer Stelle, direkte Rede Garys, erfahren wir, was den Jungen wirklich beeindruckt hat: Ein neugeborenes, noch nasses Kalb, das er streicheln darf, und ein Vogel, der beinahe gegen eine Windschutzscheibe geflogen wäre.
Dennoch, zurück bei Steve konfrontiert Jabu ihn mit der Pädagogik ihres Vaters und bezieht eindeutig dessen Position: Der Junge braucht Aufgaben, nur so kann er sich als wertvoll empfinden. Wer sich überrumpelt fühlt, reagiert mit Schärfe: Es ist also nicht allzu verwunderlich, wenn Steve den gesitteten Diskurs verlässt und mit absurden Beispielen (oder Klischees) reagiert: „Was könnte er für uns tun, an meiner Stelle den Müll rausbringen, anstelle von Wethu und Waschmaschine seine Hemden waschen? Welche Pflichten denn – hier gibt es keine Ziege zu melken, keine Hühner zu füttern, kein Holz zu sammeln.“

Wie schon im letzten Abschnitt fällt auch in diesem die geringere Autorität auf, die Steve im Gegensatz zu Jabus Vater ausstrahlt. Nur: in diesem Fall geht es nicht um die Autorität Demonstranten und Polizei gegenüber, sondern um die Autorität, die er für seinen eigenen Sohn hat. Und dieses Urteil fällt nicht Gordimer, sondern Jabulile, die Garys Mutter. Für sie ist nicht ihr Wohnort, sondern KwaZulu die Freiheit. Der Weg von der Vorstadt dorthin ist der „Heimweg“, nicht umgekehrt. (Womit sich ein Motiv wiederholt, das bereits im zweiten Abschnitt auftauchte: „ich will nicht dorthin“.)

S. 100 – 109

Gary Elias ist ein schwieriges Kind. Jabu bezeichnet ihn als „unartig“, Steve ringt sich zu einem „nicht unkompliziert“ durch. Helfen soll Jabus Vater, der ihr vorschlägt, den Jungen „Pflichten“ zu geben und ihn bestimmte Aufgaben übernehmen zu lassen. Gary soll möglicherweise sogar nach KwaZulu, in die Heimat von Jabu abgeschoben werden.

Was mir in diesem Abschnitt wieder besonders aufgefallen ist, sind die Lücken. Nadine Gordimer schafft zeitliche Lücken, die nicht gefüllt werden. Der Sohn, der wenige Seiten zuvor erst geboren worden war geht mittlerweile bereits zu einer Grundschule. Steve schreibt plötzlich an seiner Dissertation und ist Assistenzprofessor – oder habe ich das etwa vorher überlesen? Ich merke, dass ich Schwierigkeiten mit diesen Leerstellen habe.

Ich bin auch wieder über einige unrunde Stellen gestolpert, sei es „der Mann der Tochter“, ein Mädchen, dessen Alter nach der Form ihrer Brüste geschätzt wird oder auch die Gleichsetzung Wethus mit einer Waschmaschine.

 

Fremdes Zuhause – Vertraute Rollen

Jabu erfährt in KwaZulu nicht nur die gut gemeinten Ratschläge eines alten Pädagogen, sondern auch alte Rollenbilder. Ihr Baba ist der uneingeschränkte Patriarch der Gemeinschaft. Die Frauen weichen respektvoll zurück, wenn er sich herab lässt. Seiner Tochter fällt auf, daß er sie niemals küsst, nicht wie es dort, wo sie jetzt lebt, üblich ist. Die Frauen der Gemeinschaft von KwaZulu leben das alte Frauenleben und träumen von den neuen Errungenschaften. Jabu ist eine von ihnen und doch eine Exotin, sie soll den jüngsten Säugling halten, „eine Frau ist für alle Babys Mama“ (S. 77) und doch ist sie anders. „Was machst Du, Mama Jabu?“ (S. 106) fragt eine junge Verwandte. Zum Abschied begleitet ihr Vater sie zum Auto, auch dies eine für ihn ungewöhnliche Geste gegenüber einer Frau.

Wieder bei Steve stellt sich heraus, daß auch dessen Selbstverständnis nicht viel emanzipierter ist. Hat er sich zu Sindiswas Kleinkindzeiten noch als fortschrittlicher Vater empfunden (S. 15), fühlt er sich jetzt nur noch für’s Müllraustragen verantwortlich (Klischee).

Bemerkenswert ist auch seine Gleichsetzung von Wethu und Waschmaschine. Er scheint seinem Schwiegervater in dieser Beziehung nicht unähnlich.

Das schwierige Kind Gary E. soll nach KwaZulu abgeschoben werden (S. 102).

S. 100-109 (Wortgalerie)

Jabu bittet ihren Vater um Rat, wie sie Gary erziehen kann, da er zunehmend „unartig“ wird. Sie empfindet die Beziehung zu ihrem Vater als eng, weil sie durch die Sprache isiZulu zusammengehalten wird und Nähe schafft. Doch ich kann diese Nähe nicht sehen, wie nah können sie sich sein, wenn ihr Vater zum ersten Mal nach all der Zeit im Roman erst jetzt physisch auftaucht?
Zwischen Jabus und Steves Einstellung zum Thema Erziehung gibt es Diskrepanzen, doch sie sprechen wieder einmal nicht ausreichend miteinander:
„Hier. Es wird immer diese Augenblicke geben, in denen sie nicht ‚hier‘ bei ihm ist. Und in denen er nicht ‚hier‘ ist […]“ S. 109.