S. 88 – 99 (Bibliophilins Notizen)

Eine andere Zeit.

Mir schwirrt der Kopf. Ich lese jeden Tag ein bisschen von dem, was Gordimer sich ausgedacht hat. Jedes Mal serviert sie mir Sätze und Situationen, die mir unverständlich sind, um gleich danach spannende Abschnitte zu schreiben. Die Beschreibung der Studentenproteste gegen die Studiengebühren finde ich gelungen. Den inneren Kampf von Steve auch. Was kommt als nächstes?

Für die Prinzipien, nach denen man lebt, gibt es nur eine Zeit, immer.

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Privilegien

Jabus Vater nutzte seine Möglichkeiten die Tochter für eine bessere und freiere Bildung aus dem Land zu schicken.

Der griechische Vater des Senior Counsels floh vor der Fremdherrschaft in ein Land, in dem Weiße über Schwarze herrschen.

Warum, so Steve und Jabu, sollten sie nicht auch ihre Beziehungen und finanziellen Möglichkeiten für ihre Tochter nutzen?

Dieses fromme, alte Etikett politischer Korrektheit zeigt sich nur noch bei der Ablehnung der Schuluniform, dem offensichtlichen Zeichen der Privilegierten.

Während der Studentenproteste verstricken sich Steves Gefühle im Gewirr seiner Identität als Ex-Revolutionär, Unterstützer seiner Studenten, Vater farbiger Kinder, Forscher.

Die Kluft zwischen diesen beiden Szenen überbrückt Gordimer durch das dünne Seil des Altgriechischen, vom Unterrichtsfach der humanistischen Oberschule zum Metier des Altphilologen.

Autorität

Zwei bezeichnende Stellen, in denen es um die Autorität zweier Personen des Romans geht, jeweils im Zusammenhang mit einer Demonstration.

Im ersten Fall stellt sich Jabus Vater, Elias Siphiwe Gumede, zwischen die Polizei und Schüler, die ihre Solidarität mit dem Aufstand von Soweto (1976) bekunden:
jedenfalls stand er mit dem Rücken zum Toyi Toyi der skandierenden Jungen, die Arme vor ihnen ausgestreckt wie ein Schutzschild, und der Sergeant, seltsam verunsichert von der alten Autorität, nahm die gleiche Haltung ein, allerdings um seine Männer zurückzuhalten. (S. 42)

Knapp 30 Jahre später befindet sich Steve inmitten eines Studentenprotests gegen Studiengebühren, doch sein Versuch, zwischen Polizei und Demonstranten zu schlichten, bleibt frommer Wunsch:
Kämpf dich nach vorn durch (als wäre das möglich) und dann, als Weißer, die alte Autorität, die immer die höchste war, fordere die Polizei auf, den Angriff einzustellen? (S. 96)

S. 88 – 99

Der Abschnitt wird vom Thema Bildung beherrscht: Sindiswa hat das Alter erreicht, in dem man über die Frage diskutiert, auf welche Schule sie nun gehen wird. Im zweiten Teil des Abschnitts geht es um die Studentenproteste an der Universität, die sehr atemlos, sehr chaotisch geschildert werden.

Nadine Gordimer greift auch wieder ihr Lieblingsmotiv der Zeit auf, diesmal in der Phrase „Eine andere Zeit.“

An vielen kleinen Sätze und Stellen fällt mir auf, dass ich mit dem Stil von Nadine Gordimer noch nicht warm geworden bin. Ich empfinde ihn als kalt und nüchtern. An einer Stelle schreibt sie über das „Subjekt ihrer Überlegungen“, als es um Sindiswa geht. Auch die Betonung davon, dass Jabu „schwarz“ ist geht mir mittlerweile auf die Nerven, in diesem Abschnitt heißt es, „seine[r] Kinder aus einem schwarzen Schoß.“

 

S. 88-99 (Wortgalerie)

Bildung ist hier das große Thema. Welche Schule soll Sindiswa nach der Vorschule besuchen: staatlich oder privat? Sie besichtigen sogar die Schule und der Erzähler zieht den Vergleich zu damals, als Steve und Jabu das Haus besichtigt haben, in dem sie nun leben.
In der zweiten Hälfte werden die Studentenproteste an Steves Universität beschrieben. Auf Seite 94 gibt es mehrere seltsame Satzkonstruktionen, z.B. „Hatte er einen Platz dort unten (er ist inzwischen wieder an seinem Fenster)“ und weiter begegnen mir Sätze, bei denen ich mich frage, ob nicht ein Fragezeichen dahinter gehört und es bewusst weggelassen wurde. Es ist dennoch eine gute Methode, um das Chaos der Proteste und Steves Gedanken in Worte zu fassen.

*9-99 (aus.gelesen)

fast 100 seiten, sicher ein moment, in dem kurz eine persönliche zwischenbilanz (ohne anspruch auf vollständigkeit) des buchs gezogen werden kann.

südafrika, ein thema, das für uns hier in europa nachrichtenwert hat, sonst hat es wenig praktische bedeutung. umso wichtiger/interessanter, daß uns vorgänge in diesem land nahe gebracht werden. gordimer wäre dafür prädestiniert.. wäre, weil – und damit bin ich beim buch – sie genau dies bis jetzt für mich mit diesem buch nicht schafft. mag sein, daß dies auch garnicht ihre absicht war, daß jemand wie ich garnicht zu ihrem leserspektrum gehört, bekennendermaßen gibt sie ja wenig auf das urteil anderer, so wird ihr das egal sein.

das buch fängt mit steve und jabu an, einem gemischtfarbigen, illegalem ehepaar, das im untergrund für die abschaffung der apartheid kämpft. der immorality act wurde 1985 von botha ausser kraft gesetzt, danach war diese ehe legal. zwischen 1985 und dem im letzten abschnitt liegenden problem der einschulung ihrer tochter 2004 liegen also 19 jahre…. irgendwas muss ich da doch übersehen, überlesen haben? oder ist die tochter tatsächlich erst nach über 10 jahren ehe geboren worden (wenn ich von einem einschulungsalter von 6 jahren ausgehe, wie bei uns)?

die zeitskala also. völlig willkürlich und ohne system, kaum zu durchblicken. widersprüchlich. sprünge, die kaum nachzuvollziehen sind. nur die richtung ist klar. immerhin.

die personen: blutleere zombies, ohne empathischen wert. who cares about steve, jabu, andrew (für dessen tod inclusive trauer und beerdigung reichen 22 zeilen) und pauline? einzig baba wäre interessant, weil er wirklich stark war, aber der wird ignoriert. was ist eigentlich in den 19 jahren (oder auch 15 oder auch…) passiert, außer daß steve immer noch seine rolle in der gesellschaft sucht…

überhaupt ist gordimer wieder voll ins weiße milieu abgetaucht, jabu ist immer die einzige schwarze. na ja, die randalierenden studenten dann auch noch….

ich bin kein literaturwissenschaftler, literarische kategorien sind mir fremd. ich beurteile das buch sehr subjektiv als leser, und da fällt es bei mir durch. ein häufig gestammelt wirkender text, ohne fluss und inneren zusammenhalt, sprunghaft und erratisch. wie soll ich mich da heimisch fühlen? soll ich überhaupt? und was von dieser holprigen sprache muss ich der übersetzung anlasten, was der autorin?

das projekt: schon nach wenigen tagen wurden änderungsvorschläge gemacht, weil zumindest einige „paten“ nicht zufrieden waren, geändert wurde leider nichts, auch nicht darüber diskutiert (abgesehen davon, daß es auch keine vernünftige plattform für einen internen informationsaustausch gibt).

viel luft nach oben.

das buch ist noch nicht zu ende.
das lesen muss weiter gehen.

S.70-79 / S.80-89 (glasperlenspiel13)

Nachdem Geburt und Tod eines Menschen im Zeitraffer an mir vorbeigehen und ich von Steve und Jabe immer nur Sequenzen ihres Lebens mitbekomme, habe ich nicht mehr die Illusion ein hohes Maß an zwischenmenschlichen Beziehungen in diesem Roman zu erleben. Gefühle werden eigentlich nur in kurzen Reflektion der einzelnen Figuren angedeutet und wenn man gerade dabei ist, kann man die komplette Lebensphilosophie dieser Person gleich mit anführen. Bestes Beispiel ist Steves Vater in Abschnitt 5.

Auch über den Kampf selbst werden wir nicht mehr viel erfahren – das ist wohl auch nicht Gordimers Ziel (ein Blick in den Klappentext reicht). Schade eigentich. Vieles wäre verständlicher und die kurzen Andeutungen (Bsp.: Steves Einzelhaft) könnte man besser nachvollziehen.

Interessant sind die Darlegungen zur wiedererlangten Freiheit und den damit verbundenen Widersprüchen. Gab es im Kampf noch gut und böse, so sind die Grenzen plötzlich verschowmmen. Steve wäre nicht der erste Widerstandskämpfer, der sich in der neuen Gesellschaft nicht zurecht findet.