S.70-79 / S.80-89 (glasperlenspiel13)

Nachdem Geburt und Tod eines Menschen im Zeitraffer an mir vorbeigehen und ich von Steve und Jabe immer nur Sequenzen ihres Lebens mitbekomme, habe ich nicht mehr die Illusion ein hohes Maß an zwischenmenschlichen Beziehungen in diesem Roman zu erleben. Gefühle werden eigentlich nur in kurzen Reflektion der einzelnen Figuren angedeutet und wenn man gerade dabei ist, kann man die komplette Lebensphilosophie dieser Person gleich mit anführen. Bestes Beispiel ist Steves Vater in Abschnitt 5.

Auch über den Kampf selbst werden wir nicht mehr viel erfahren – das ist wohl auch nicht Gordimers Ziel (ein Blick in den Klappentext reicht). Schade eigentich. Vieles wäre verständlicher und die kurzen Andeutungen (Bsp.: Steves Einzelhaft) könnte man besser nachvollziehen.

Interessant sind die Darlegungen zur wiedererlangten Freiheit und den damit verbundenen Widersprüchen. Gab es im Kampf noch gut und böse, so sind die Grenzen plötzlich verschowmmen. Steve wäre nicht der erste Widerstandskämpfer, der sich in der neuen Gesellschaft nicht zurecht findet.

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S. 80 – 87 (Bibliophilins Notizen)

Es ist noch zu früh fürs Eis.

Ich mag, dass Gordimer immer wieder Sätze in ihren Text rein streut, die wichtig und bedeutsam sind, die aber fast wie nebenbei gesagt werden. Sie sind wie kleine Zentren, auf die die anderen Sätze und Gedanken aufgebaut werden. Sie zu lesen, ist wie nach anstrengenden Aufgaben, wieder zu Atem zu kommen.

Der Kampf ist nicht vorbei.

Ausgestoßen

Der Tod von Steves Vater kommt plötzlich: Themen, die zuvor in diesem Kapitel verhandelt wurden – Initiativen zur Bildungsreform, die resignierte Haltung Steves –, wischt er mit einem Schlag zur Seite. Er unterbricht die Erzählung. Diese Unmittelbarkeit ist mir durch die Beiträge von Bonaventura und Buzzaldrin erst richtig aufgefallen. Sie erscheint mir jedoch ziemlich schlüssig: Der Tod wartet nicht auf eine gute Gelegenheit, und ganz sicher wartet er nicht höflich das Ende eines Absatzes ab.

Die anschließende Beerdigunsszene endet mit Jabus Lied : „Unbefangen erhebt sie sich, um für ihn zu singen“. Ihr gelingt es für einen Augenblick, eine Brücke zum Rest der Familie zu schlagen. Die versammelte Trauergemeinschaft reagiert spontan mit Rührung, eine selten auftretende Regung, zu der allerdings kaum einer der Anwesenden stehen kann. Stattdessen, gleichsam als Rache für den ihnen zugefügten Gefühlsausbruch, verhärten sich die Hierarchien. In einem kollektiv zu nennenden Überlegenheitsgestus wird Jabu aus dieser Ingroup gutbürgerlicher Weißer ausgestoßen und mit allen Schwarzen, „ob Bauer oder Anwältin“ über einen Kamm geschoren: eines (implizit: wenn auch sonst nichts) können sie: singen.

Das lässt mich noch mal an das Bar Mizwa aus Abschnitt 7 denken, an den Satz „Sie ist die einzige schwarze Frau, ja.“ Als würde der Chor der Versammelten den gefüllten Raum überblicken, eine Differenz (die einzige) bemerken und darüber sein Urteil fällen: Ja. Sie gehört nicht dazu.

S. 80 – 87

Die Handlung springt wieder zurück zu Steve und seinen Erfahrungen an der Universität. Es geht um Bildungspolitik und ein zunehmendes Bildungsgefälle bei den Studierenden an der Universität. Auch eines von Gordimers Lieblingsthemen wird wieder angesprochen: Steve, der sich „die Alchemie zur Sabotage eines Regimes aneignete.“ Auch über das Wort klandestin stolpere ich wieder.

Nadine Gordimers Gedanken sind sprunghaft und es fällt mir immer wieder schwer, ihr zu folgen. Bei manchen Dialogen ist mir nicht klar, wer eigentlich gerade spricht. Zwischen all den dicht gedrängten Informationen laufe ich manchmal Gefahr, wesentliches zu überlesen: Steves Vater ist gestorben. Erwähnt wird das in einem gefühlten Nebensatz, zwischen der zusammengelegten Kleidung und der Bildungspolitik.

*80-87 (aus.gelesen)

Bildung ist kein Privileg der weißen Minderheit mehr, sondern  Schulen und Universitäten stehen jetzt auch Schwarzen offen. Diese bringen aber oftmals die entsprechenden Voraussetzungen nicht mit: „..Ich habe Studenten in Afrikanistik, die ihre eigene Sprache nicht schreiben, nicht buchstabieren können, ihre Muttersprache, ihren Wortschatz haben sie aus den schwarzen Sitcoms im Fernsehen, mehr ist es nicht.

Der Lehrkörper, die Professoren entstammen zum großen Teil noch der alten Zeit: „Wir müssen mit der alten Garde auskommen, allerdings unter der Voraussetzung, dass wir sie nicht mehr als Garde akzeptieren.

Der Kampf ist nicht vorbei. (Sagten wir das nicht schon mal?)

Warum fangt ihr nicht einfach an? Trommelt Dozenten und Profs zusammen, geht zum Vizekanzler und macht einen Termin, was auch immer, rückt dem Minister im Parlament auf den Leib, sagt ihm, was er nicht hören will.“

Doch in Jabus Wahrnehmung ist Steve zögerlich, gibt er auf. Dass etwas hoffnungslos sei, befindet nur, wer es gewohnt ist, alles zu haben. Wer weiß ist. Beschämend, so zu denken. Über ihn.

Warum gibt er auf.“ Warum steht in diesem Satz mal wieder kein Fragezeichen? Fragen über Fragen, aber keine Zeichen. Ärgerlich.

Ein Elternteil stirbt… Er wird eingeäschert werden … In Andrews Testament steht ferner: kein Gottesdienst… Es ist vorbei: 22 Zeilen für den Tod des Vaters. Das ist in aller Kürze auf den Punkt gebracht, aber schließlich hatte ja auch der Kampf die Beziehung zu den Eltern ersetzt. Zum versöhnlichen Abschluss der Zeremonie (so man die Beerdigung in ihrer Kargheit so bezeichnen kann) fängt Jabu unvermittelt an zu singen, der wohl einzige Moment der Rührung, die alle ergreift. Und wieder ins alte koloniale Denken fallen läßt: „..die Erkenntnis, dass sie eines jedenfalls können, die Schwarzen, ob Bauer oder Anwältin: singen.“

S. 80-87 (Wortgalerie)

Uni, Politik und ein Bildungsgefälle werden thematisiert. Steves Vater stirbt. Alles wird so beiläufig erzählt, dass ich mich frage, was noch alles kommen wird, worauf es überhaupt hinausläuft?
Die Handlung wird überwiegend berichtend dargestellt, zwischendurch gibt es kleine Szenen und Details, die mich dann aber stören, weil sie mir nicht notwendig erscheinen, z.B. die Information, dass Jabu Kleidung zusammenlegt, hätte aus meiner Sicht weggelassen werden können.

Zu früh für Eiscreme

Zurück zu den Problemen der Universität: Aufgrund der in vorrevolutionärer Zeit unzureichenden schulischen Bildung sieht sich die Unversität mit schwarzen Studenten konfrontiert, die einen Anspruch auf Bildung einfordern, aber nicht die nötigen Voraussetzungen für ein Studium mitbringen. Zur Überbrückung richtet die Universität Zusatzkurse ein, die die Lücken notdürftig schließen sollen.

Steve scheint im Lehrkörper der Universität eine Initiative starten zu wollen, um gemeinsam Forderungen an das Bildungsministerium zu richten, wobei weitgehend unklar bleibt, worin diese Forderungen eigentlich bestehen sollen. (Als sei dem Bildungsminister der Stand des Bildungssystems unbekannt!?) Auch gibt es selbst unter den Linken der Dozenten die Einsicht, dass schlicht zu wenig Geld vorhanden ist, um das Bildungssystems Südafrikas von heute auf morgen auf einen Standard zu bringen, der allen Bevölkerungsgruppen wenigstens in etwa einen gleichen Zugang zu Bildung und Ausbildung garantiert. „Es ist noch zu früh fürs Eis.“

Dann, ohne jede Überleitung, ja, mitten im Absatz erfahren wir plötzlich vom Tod Andrews, Steves Vater. Auf der Trauerfeier erhebt sich eben so unvorbereitet Jabulile und stimmt einen afrikanischen Trauergesang an, der alle Anwesenden bewegt, besonders dazu, einmal mehr ihrem klandestinen Rassismus zu huldigen: „wenn etwas daraus hervorgeht, dann die Erkenntnis [sic!], dass sie eines jedenfalls können, die Schwarzen, ob Bauer oder Anwältin: singen.“ Ja, so sind sie halt, diese Naturkinder! (Nur am Rande bemerkt: Von einer „Erkenntnis“ weiß das Original nichts; dort steht nur die Wendung „if it transcended something“, also in etwa „wenn es etwas rüberbringt“.)