S. 70 – 79 (Bibliophilins Notizen)

Ich verspüre eine gewisse Sympathie für Jabu, eine Frau, die aus einem Ghetto stammt, gebildet ist, weiß was sie will, in ihren Studentenjahren Marihuana geraucht hat und die für ihre Überzeugung kämpft.
Die Sympathie lässt wieder nach, als ich Jabus zweifelhafte Gründe kennen lerne, einen Sohn zu bekommen. Und wenn ich darüber lese, dass ihre Tochter „eine Reproduktion ihrer selbst“ ist…

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Ich stelle es mir sehr mühsam vor, sich mit jemandem auf diese Weise zu unterhalten, wie das Jabu und Steve praktizieren.

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Ich bin gespannt, was die Autorin auf den nächsten Seiten für uns bereit hält.

S. 70 – 79

Wir erfahren in diesem Abschnitt etwas mehr über Jabu, ihren beruflichen Werdegang und die Entscheidung ein zweites Kind zu bekommen. All dies rafft Nadine Gordimer auf nicht einmal zehn Seiten. Wichtige Entscheidungen, Brüche im Leben, Wendepunkte – es wird alles irgendwie im Zeitraffer abgehandelt. Nüchtern. Ohne Emotionen. Was bei mir dazu führt, dass mir die Personen seltsam fremd bleiben. Jabu und Steve wirken auf mich wie zwei Statisten, wie zwei Marionetten von Nadine Gordimer.

Natürlich spielt auch die Revolution erneut eine Rolle, wirkt dabei aber fast eher wie ein ständig wiederholtes Klischee.

Sprachliche stolpere ich immer wieder über Sätze, die rausfallen und mir Magenschmerzen machen: eine Frau wird zwangsgeräumt, männliche Geliebte, die den Anus das Beste finden.

Nein, irgendwie haben Nadine Gordimer und ich noch nicht zusammengefunden.

*70-79 (glasperlenspiel13)

An erster Stelle steht die Revolution …

Mein Gott wie oft habe ich diesen Satz schon gelesen. Der fehlte mir bis jetzt. Ich hoffe, dass ich von dieser Revolution und den Weg dorthin noch einiges mehr erfahre. Wenn Gordimer es allerdings so kurz zusammenfasst, wie die Karriere und Schwangerschaft von Jabu (nämlich auf nicht mal 10 Seiten) dann verzichte ich gern drauf.

Jetzt endlich gehen mir auch die Delphinmänner auf die Nerven.

Und liebe Klappentexterin eine Frage an Dich: Die Seite 50 liegt hinter uns. Bleibst du uns treu?

Vor nicht so langer Zeit selbst Mutter geworden, kann ich nur kopfschüttelnd diesen Abschnitt (inkl. Jabus Argumenten für eine 2. Schwangerschaft) schließen.

S. 70-79 (Wortgalerie)

Ein Satz, der mir in diesem Abschnitt gefallen hat:

„Deine Zeit gehört nicht dir allein.“

Interessant finde ich, dass Zuhause hier weitgehend emotionslos verstanden wird: Als Ort, „von dem man herkommt“.

Die Schnelligkeit, in der Jabu die Entscheidung für einen Sohn trifft und dazu noch der große Zeitsprung in diesem Abschnitt, lassen die gesamte Idee für ein zweites Kind auf mich unglaubwürdig und falsch motiviert erscheinen. Warum ein Sohn unbedingt freier geboren wird als ein Mädchen, kann ich auch nicht ganz nachvollziehen.

*70-79 (aus.gelesen)

der inhalt in kurzform:
– jabu findet, als anwältin bessere dienste leisten zu können denn als lehrerin: sie wird anwältin.
– jabu findet (trotz gegenteiliger absprache mit steve), daß die familie, insbesondere steve, noch einen männlichen nachkommen braucht. sie bekommt ihn.
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solche sätze wie der folgende*, unvermittelt und ohne zusammenhang in den an sich schon ziemlich gestammelten text gestreut und ihn noch unverständlicher werden lassend, nerven mich langsam (abgesehen davon, daß ich das mit der halsbeuge bezweifel..):

“ … Ihre Lippen in seiner Halsbeuge, der weichsten, verletzlichsten Stelle am Körper des Mannes, unmittelbar bevor das Sandpapier des rasierten Bartes beginnt – es sei denn, männliche Geliebte finden den Anus das Beste, wie soll eine Frau das beurteilen. …“ (s. 76/77)

und nur weil ich tatsächlich angenervt bin, lass ich jetzt den besserwisser raushängen: samen wird im nebenhoden gelagert, im hoden wird er „nur“ produziert (s. 78)

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*: eingefügt am 20.10.2012

Einsame Entscheidungen

Steve Reed hat eine erstaunliche Art, mit wichtigen Entscheidungen umzugehen: Er trifft sie allein und stellt seine Frau Jabu regelmäßig vor bereits vollendeten Tatsachen.  Sei es der Umzug in das Haus mit Garten in den Suburbs, sei es ein einschneidender Berufswechsel oder sein Entschluss, isiZulu zu lernen: Miteinander gesprochen wird erst, wenn es nichts mehr zu diskutieren gibt.

Im achten Abschnitt zeigt sich, dass auch Jabuli diese „Kommunikationsform“ beherrscht: Sie gibt plötzlich ihre Arbeit als Lehrerin auf, gerade zu dem Zeitpunkt, als sie zur Leiterin ihrer Schule befördert wird und studiert Jura. Und schließlich wird sie genauso plötzlich und gegen den Willen Steves schwanger, nachdem sie einfach heimlich die Pille absetzt. Die Methode mag nicht sonderlich neu sein, dennoch lässt sie tief in das Verhältnis der Eheleute Reed blicken: Während sie im Untergrund aus überlebensnotwendigen Gründen jedes kleinste Detail miteinander besprechen mussten, hat nun anscheinend jeder die Freiheit, auch weitreichende Beschlüsse für sich allein auszumachen. Oder spiegelt dieses Verhalten im Gegenteil alte, klandestine Verhaltensweisen wider – hegt also Jabu nicht eher ein tiefes Misstrauen in die Festigkeit der neu erlangten Freiheit, zumindest was die Freiheit und Selbstbestimmung einer farbigen Frau betrifft? Der Wunsch nach einem Sohn würde für diese Deutung sprechen. Wie auch die Satzfolge: „Aber das endgültigste Ich bisher stammt aus dem Kampf. Was immer das heute bedeutet.“ 

It’s a Boy

Von Revolution, Baby bis It’s a Boy benötigt Gordimer nur neun Seiten. Jabu entschließt sich, die Lehrerlaufbahn aufzugeben, um noch einmal zu studieren. Anwältin der Entrechteten scheint ihr die logische Fortsetzung ihres Kampfes. Die Familienplanung muss warten. Sie will sich nicht um weitere Kinder kümmern, sondern um alle Schutzbedürftigen, entgegen den Erwartungen ihres Clans.

Doch als ihre Karriere gerade anläuft, empfindet sie den dringenden Zweitkindwunsch. Diesen erklärt Gordimer noch aus der feministischen Perspektive. Jabu will demonstrieren, daß es möglich ist eine vollwertige Frau zu sein und zugleich beruflich erfolgreich. Diesem Motiv widerspricht allerdings ihr dringender Wunsch nach einem männlichen Kind, dem sie aufgrund des Geschlechts ein einfacheres Leben prophezeit. Was, wenn ein Delphin rausspringt?

Klischee gegen Klischee?

Allmählich frage ich mich, ob Gordimer will, daß wir uns über ihre Geschichte ärgern?

Lässt sie ihre Hauptfiguren in Klischees denken, damit dem Leser bewusst werden soll, daß etwas nicht stimmt mit diesen Gedanken und diesem Verhalten kurz mit der modernen Gesellschaft Südafrikas?

Wenn das so ist, habe ich ein großes Problem mit der Glaubhaftigkeit dieser Charaktere. Warum denkt ein weißer Freiheitskämpfer derart rassistische Dinge über das Haar der Schwarzen? Wieso hintergeht eine gebildete Ex-Genossin ihren Mann um die volle Erfüllung der Frau als Sohnesmutter zu erfahren?

Ganz abgesehen von dem Klischee, daß Frauen ihren Kinderwunsch gegenüber dem Partner durchsetzen, indem sie die Pille weglassen.

Gordimer schreibt gegen Klischees und Stereotype an, indem sie selbst solche verwendet. Um nicht schon wieder die Delphinmänner und ihren Lieblingsort, – das könnte man nach diesen Kapitel zweifach deuten-, anzuführen, sei diesmal auf die kiffenden Studenten verwiesen. Jabu denkt an ihre Studentenzeit, da benötigte sie beim Lesen keinen klaren Kopf und konnte Gras rauchen. Einige Seiten vorher teilte uns der Erzähler mit, daß die Studenten Bier und Gras bevorzugt hätten. Welche Vorstellung hat der Erzähler von Studenten und vom Lesen?

Das Interview mit Gordimer lässt vermuten, daß diese Klischees nicht ihre sein können.

Umso mehr frage ich mich, ob diese Art von Gesellschaftskritik im Roman funktioniert?