Freie Partnerwahl?

In diesem kurzen Kapitel thematisiert Gordimer das Recht auf freie Partnerwahl und stellt die Frage, ob Toleranz alleine genügt.

Andrew und Pauline Reed, Steves Eltern, heirateten trotz bestehender Ressentiments zwischen Christen und Juden. Ihre Familien tolerieren dies, das weitgehende Schweigen über religiöse Traditionen legt allerdings nahe, daß von einer Akzeptanz nicht gesprochen werden kann.

Eine ähnliche Haltung zeigt Andrew Reed gegenüber seiner jetzt legalen Schwiegertochter Jabu. Dass sie ihre Rolle als Opfer der Apartheid ihm gegenüber nicht zum Ausdruck bringt, scheint er als ihre positivste Eigenschaft zu werten. Er toleriert Steves Wahl aus oberflächlichen Gründen, akzeptiert sie jedoch nicht.

Noch schwieriger stellt sich für Andrew die Homosexualität seines Sohnes Alan dar. Er wendet sich nicht offen dagegen, nimmt sie hin, lässt Begegnungen mit dem Lebenspartner Alans zu. Von Verständnis oder Akzeptanz kann aber keine Rede sein.

Auf diesen wenigen Seiten stellt Gordimer drei wesentliche Diskriminierungen in eine chronologische Abfolge, Antisemitismus, Rassismus und Homophobie. Die erste scheint in der modernen Gesellschaft Südafrikas überwunden, die zweite ist nach Ende der Apartheid auf dem Weg. Homosexualität hingegen stellt für Teile dieser Gesellschaft noch ein großes Problem dar.

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S. 38-43 und S. 44-47 (Wortgalerie)

Familie ist das Hauptthema: Jabus Elternhaus und Steves Familienverhältnisse. Es kommen viele Namen und Informationen vor, doch davon ist nicht alles neu: Die Lebensweisheit von Jabus Vater „Die beste Zeit ist jetzt“ (S. 41) reiht sich in das Zeit-Motiv des Romans ein.
Sind erst einmal die Figuren und ihre Konstellation klar (ich habe mir einen kleinen Stammbaum von Steves Familie daneben gezeichnet), lesen sich die Abschnitte sehr schnell und flüssig. Positiv überrascht war ich über die Einstellung von Alans Eltern gegenüber seiner Homosexualität, denn ich kann mir vorstellen, dass es in Zeiten solcher Umbrüche nicht selbstverständlich ist, dass sie es akzeptieren.

S. 44 – 47 (Bibliophilins Notizen)

Es ist interessant, mehr über Steves Familie, über seine Eltern, zu erfahren.

*

Steve liebt eine schwarze Frau. Sein Bruder Alan liebt einen Mann. Es gibt aber noch einen dritten Bruder – Jonathan. Was ist mit ihm? Habe ich es überlesen?

*

Wie ein Refrain wiederholt sich der Satz „Solang er glücklich ist“. Steves Eltern, Pauline und Andrew Reed, wünschen sich, dass ihre Söhne glücklich sind.

*

Ein bisschen schockiert mich dieses Zitat:

„Andrew, sein Vater, hatte akzeptiert, dass von seinen Söhnen einer »Liebe« mit Männern macht, jawohl, in den Ausscheidungsort der Scheiße eindringt, als eine Version von sexuellem Begehren; er konnte nicht verstehen, wie es zu diesem freiwilligen Verzicht auf die liebe der Frauen, den für den vollkommenen Vollzug geeigneten Ort an ihren liebreizenden Körpern kommen konnte.“

 

S. 44- 47

Den heutigen fünften Abschnitt habe ich im Gegensatz zum gestrigen wieder als weniger zugänglich empfunden. Wir werden eingeführt in die Familie von Steve (der an einer Stelle Steven genannt wird; ein Schreibfehler oder ist Steve die Abkürzung für Steven?), lernen seine Eltern Andrew und Pauline Reed kennen.  Interessant, wie sich das Ausbrechen aus konventionellen Strukturen schon bei Steves Eltern gezeigt hat: Andrew hat damals mit Pauline eine Jüdin geheiratet.

Im Mittelpunkt des Abschnitts steht dann die Beziehung zwischen Pauline und Alan. Nadine Gordimer thematisiert erneut dessen Homosexualität, mit der die Mutter weniger Schwierigkeiten hat, als der Vater. Dieser spricht an einer Stelle vom „Ausscheidungsort der Scheiße“. Für seinen Sohn empfindet er weder Abneigung noch Ekel, sondern Bedauern.

Ähnlich wie in den vergangenen Abschnitten steht auch dieser wieder unter einer Art Leitphrase: „Solang er glücklich ist.“ – Ich weiß nicht, ähnlich wie die Klappentexterin spüre ich ein gewisses Unbehagen mit diesem Satz.

Überhaupt lösen manche Passage Widerwillen in mir aus, beispielsweise auch der Hinweis darauf, dass die Schwiegertöchter „Erzeugerinnen ihrer Enkel“ sind, im Gegensatz zu den Männern, mit den Alan zusammen ist.

Im Moment setzt Nadine Gordimer Stückchen für Stückchen – wie ein Puzzle – diese Geschichte zusammen, beschreibt das Setting, das Personenensemble. Ich bin gespannt, wann die wirkliche Erzählung beginnen wird.

* 44-47 Nur ein Satz?

Ich habe es geahnt: Da kommt noch etwas. War der vorangegangene Abschnitt durchlässig wie eine Membran, hält mich dieser vom Lesefluss ab. Wieder streut Nadine Gordimer einen einzigen Satz hinein, so einen, der etwas in Bewegung setzt und mich gleichzeitig anhält. So überrascht wie am Anfang der Lektüre bin ich nicht mehr, erfreut aber schon. Ich erkenne an den markanten, herausragenden Sätzen ein typisches Gordimersches Stilelement. Diese Sätze sind ihre Fahnen, mit denen sie wedelt, um mir und den Lesern ein Signal zu schicken. Nun will ich nicht länger um den heißen Brei reden, sondern diesen Satz aus meiner Tasche zücken: „Solang er glücklich ist.“ Aber wer weiß, vielleicht sagt ihr: „Ja, und? Das ist doch ein ganz gewöhnlicher Satz.“ Für mich nicht. Nun, ich bin gespannt, wie ihr das seht.

* 44-47 (aus.gelesen)

Immer schön der Reihe nach, Ladies first, wird jetzt der familiäre Hintergrund von Steve ein wenig ausgeleuchtet. Mit der schwarzen Schwiegertochter können sich die Eltern anfreunden, sie ist ja ganz präsentabel und weiß sich zu benehmen, obwohl man ihr ein gewisses Selbstbewusstsein nicht absprechen kann. Immerhin hat Andrew diese Situation des Ausbrechens aus einer gesellschaftlichen Konvention vor Jahren an sich selbst erfahren, schließlich hat er damals eine Jüdin geheiratet…

Dann konzentriert sich der Text mehr auf Pauline, Steves Mutter und Alan, seinen Bruder. Es scheint, als ob die beiden ein gutes Verhältnis hatten, die sexuelle Orientierung des Sohnes scheint für die Mutter kein Problem zu sein, der Vater dagegen muss ich überwinden, diese anzuerkennen. In dieser Passage des Textes scheint zum ersten Mal so etwas wie eine Emotion (der Autorin?) durch: für den Ort des imaginierten (und ggf wirklichen) Geschlechtsverkehr seines Sohnes legt Gordimer dem Vater den Ausdruck: „Ausscheidungsort der Scheisse“ in den Mund. Für ihn ist der „vollkommenen Vollzug“ körperlicher Liebe nur mit der Frau am „geeigneten Ort“ ihres „liebreizenden Körper„s denkbar. Christlich eben.

Andrew bedauert seinen Sohn, als wäre Homosexualität eine Krankheit, unter der mann leiden würde. Leiden muss der Homosexuelle aber unter der gesellschaftlichen Ächtung, und hier liegt der Stolz von Pauline und Alan auf Steve: was immer er auch genau gemacht hat, er hat auch zur Befreiung seines Bruders beigetragen!

Aber was für ein großartiges Ergebnis hatten die Aktivitäten seines Bruders Steve gezeitigt – eine Revolution!

Die Last der Toleranz

Dem Abschnitt über Jabuliles Vater folgt seitenwendend einer über Andrew Reed, Steves Vater. Der hat es schwer mit seinen Söhnen. Steves Heirat mit einer Schwarzen kann er wenigstens noch einigermaßen nachvollziehen: Jabulile ist ohne Frage intelligent und anziehend, auch wenn es Andrew selbst (angeblich) nie nach einer schwarzen Frau gelüstet hat. Und Andrew selbst ist ja auch aus seiner katholischen Art geschlagen und hat eine Jüdin geheiratet. Aber was Alan angeht, so strapaziert dessen Homosexualität die väterlichen Nachsicht doch sehr und dessen sexuelle Phantasie noch mehr: Sich mit einer Schwarzen paaren, das mag noch angehen, aber „in den Ausscheidungsort der Scheiße“ (ein Ausdruck, der im englischsprachigen Original hinter der Hohlhand einer Klammer verborgen steht) einzudringen, ist zuviel des Schlechten.

Immerhin rettet er sich in beiden Fällen mit Hilfe einer Phrase in die Zone der gesellschaftlich erwarteten Toleranz: „Solang er glücklich ist.“

Wir sind immer noch in der Exposition des Romans: Nachdem wir wissen, wem wir unsere Aufmerksamkeit in der Hauptsache widmen sollen, und uns das Grundthema des „Lebens danach“ mitgeteilt wurde, werden derzeit Randfiguren charakterisiert und die Vorgeschichten der beiden durch Jabulile und Steve miteinander verknüpften Familien eingeholt. So weit alles ganz brav, aber eben auch nicht weiter bewegend. Ich bin gespannt, wann Gordimer wohl mit dem Erzählen anfangen wird.

„Mein guter Herr, Ihr seht die Sachen,
Wie man die Sachen eben sieht;
Wir müssen das gescheiter machen,
Eh uns des Lebens Freude flieht.“