S. 27 – 37 (Wortgalerie)

Ich habe diesen Abschnitt noch auf meinen Ausdrucken gelesen, als es den Anschein hatte, dass mich das Buch nicht pünktlich erreichen wird. Das war eine gute Idee, denn ich habe mir auf diesen Ausdrucken sehr viel angestrichen, mit Sternchen versehen, was ich nachschlagen will, und markiert, was mir Anhaltspunkte zur politischen Situation gibt.
Die Informationsdichte ist hoch und mir geht es wie den anderen, dass ich gerne mehr lesen möchte, dass szenisch erzählt wird. Ich denke, dass diese Informationen notwendig sind und verglichen zum Gesamtumfang stehen wir noch am Anfang, sodass die Berichte möglicherweise bald in den Hintergrund rücken.

* 26-37 (glasperlenspiel13)

Ich mache es kurz, da viele Themen, die auch mich bewegen schon angesprochen wurden. Für mich setzt Gordimer momentan mehr auf Information statt auf Emotion. Die Geschichte von Steve und Jabulile berührt mich noch immer nicht aber wir sind ja erst bei Abschnitt 3!

Besonders interessant für mich: Gordimer geht auf Problematiken ein, die das Land ganz aktuell beschäftigen. Ein Beispiel: der Bezug auf die Minenarbeiter. Diese streiken seit Monaten und legen halbe Minen lahm.

Atalantes hatte das kleine Begleitheft zu Nadine Gordimer im Buch angesprochen. Das werde ich mir jetzt mal vornehmen, vielleicht bekomme ich dann einen besseren Zugang.

S. 26 – 37 (Bibliophilins Notizen)

Die Zeit der Veränderungen ist gekommen: neues Haus mit einem eigenen Zimmer für das kleine Kind, neue Möbel, Steves neue Arbeitsstelle. Auch die Universität ist im Wandel. Das Verhältnis schwarzer zu weißer Studenten und schwarzer zu weißer Professoren wird unter die Lupe genommen.

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Sindiswa soll „der erste Abkömmling eines neuen Zeitalters“ sein, in dem Weiße und Schwarze gemeinsame Kinder bekommen. Ich glaube, da habe ich etwas falsch verstanden, oder?

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Ist es überhaupt korrekt, die Begriffe „Weißer“ und „Schwarzer“ zu verwenden?

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Gordimer genießt es, das Wort klandestin zu benutzen. Ich kannte es vorher nicht.

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Immer wieder wird betont, dass Steve früher Sprengstoffe hergestellt hat.

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Afrikanische Kartoffeln, Knoblauch und Olivenöl als Medizin gegen AIDS. Da es immer wieder die Rede von Homosexuellen ist, wird die Autorin das Thema wohl noch vertiefen.

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Ich fühle mich erschlagen von Gordimers Schreibstil und es erschreckt mich zu wissen, dass ich erst 37 Seiten des 506 schweren Buches gelesen habe. Gordimer schafft Distanz und strengt mich an. Werde ich eine Beziehung zum Buch, zu den Protagonisten aufbauen können?

S. 26 – 37

Dieser Abschnitt enthält auf wenig Seiten wieder sehr viel politische Anspielungen und Andeutungen und ich freue mich, dass meine Mitleser einige von ihnen bereits aufgegriffen haben. Für mich ist es immer noch schwierig mich beim Lesen zurechtzufinden: was ist die Black-Empowerment-Bewegung? Wer sind Mbeki und Madiba? Ich freue mich, dass ich neben all meiner Unwissenheit zumindest den Namen von Nelson Mandela kenne. 😉 Ich glaube, ich habe schon lange kein Buch mehr gelesen, bei dem ich so viel nachschlagen musste.

Mir fällt es bis jetzt schwer, Sympathie für Jabubile und Steve aufzubringen. Ich greife einen Gedanken auf, den bereits Kerstin geäußert und der bei mir hängen geblieben ist: worum geht es den beiden eigentlich, um Statusgewinn oder um ihr eigenes Wohl? Auf mich wirken die Reeds bei dem was sie tun sehr nach außen gerichtet und nicht so, als würden sie nach ihren eigenen authentischen Wünschen handeln.

Interessant finde ich darüber hinaus auch, dass mehrmals betont wird, dass es nicht möglich ist politische Diskussionen zu führen – beispielsweise mit den jeweiligen Schwiegereltern. Bei gemeinsamen Treffen wird das Thema Politik ausgespart. Ansonsten lernt der Leser noch Steves Bruder Alan kennen, der schwul ist.

Für mich wirkt der Abschnitt sehr fragmentarisch, vieles steht nebeneinander, ohne erkennbaren Bezug und bleibt dadurch stellenweise unklar und fast schon unverständlich. Dazwischen gibt es auch immer wieder schöne Stellen: in diesem Abschnitt mochte ich den Hinweis auf die Phrase ‚a luta continua‘, genauso wie das Zitat von Oscar Wilde (Die „Liebe, die ihren Namen nicht zu nennen wagt,“) und den vorletzten Satz des Abschnitts: „Dichtung ist die Revolution gegen alle Beschränkungen des Gewöhnlichen“.

Sprachlich im Gedächtnis geblieben ist mir aus diesem Abschnitt vor allem das Wort ‚klandestin‘ oder auch wahlweise ‚Klandestinität‘, das gefühlte zehnmal auftaucht und das ich erst einmal nachschlagen musste. Ich hatte davon zuvor noch nie gehört. Ich finde es seltsam so ungewöhnliche Worte zu verwenden, auch über den Begriff Kooptierung bin ich gestolpert.

Let’s not talk about politcs

Wortungetüme, gehemmter Lesefluss, Kommaflut: Kritikpunkte, die ich nachvollziehen kann, dennoch frage mich, ob der Text nicht mimetisch die Zustände im Südafrika nach der Apartheid beschreibt.

Da ist zunächst die Diskrepanz zwischen Abstraktem und Konkretem. Hehre Worte harren im Alltag auf ihre Verwirklichung. Die (oft auch hässlichen) Worthülsen halten einem Vergleich mit den tatsächlich herrschenden Verhältnissen nicht stand. So wird etwa die verfassungsmäßig verordnete Gleichheit noch längst nicht gelebt: Man möchte in Freiheit zusammenleben, organisiert aber Schutztrupps, um die eigene Sicherheit zu garantieren.

Eine Verfassung zu haben, das genügt leider nicht. Das wiederholt gebrauchte Bild vom Möblieren eines neuen Hauses illustriert dies: allein Sofas, Couchtische oder Bücherschränke zu arrangieren, schafft noch kein neues Zuhause. Genausowenig genügt es, Regeln und Gesetze aufzustellen,  – entweder man schafft es, die neuen Arrangements mit Leben zu füllen,  (etwa, indem man anfängt, wenigstens im Familienkreis auch über Politik zu reden), oder ein Scheitern ist vorprogrammiert. Oder man arrangiert sich auf niedrigem Niveau: Das Ideal ist der Dichter, die Realität der Werbetexter.

* 26-37 (Weiter. Immer weiter.)

Wieder ein Schritt weiter. Ich blicke tiefer in den Raum der Geschichte, spüre den erwähnten Wandel wie eine frische Windböe um die Nase ziehen und finde das Gespräch zum Ende hin mit Jabu, Steve, seinem Bruder und dem Geliebten sehr interessant, nicht immer leicht verständlich, wer nun spricht, aber ich mag diesen Dialog. Noch habe ich mich an den Schreibstil nicht gewöhnt, aber noch bin ich nicht auf Seite 50. Die 50 ist für mich immer die magische Zahl, bei der ich entscheide, ob ich am Ball bleibe oder ob ich das Buch zurücklege. Ich lese also weiter, immer weiter.

Anmerkungen zum 3. Abschnitt

Für die historisch Interessierten möchte ich auf den kurzen Artikel von Katharina Fink über das 2001 in Johannesburg eröffnete Apartheid-Museum verweisen. Die Besucher erhalten dort einen „Pass“ entgegen ihrer Hautfarbe, „Nie-Blankes/Non Whites“ oder „Blankes/Whites“, und müssen durch jeweils separate Eingänge die Ausstellung betreten. Diese entlässt alle Besucher mit der Aufschrift „Walk away free“. Eine nähere Beschreibung gibt der Artikel. Darin wird zu Beginn auch auf Nadine Gordimer Bezug genommen. Sie hat sich in Le Monde diplomatique zum Neubau des Museums geäußert. Ihr könnt das Museum auch virtuell besuchen.

Zum Inhalt dieses Abschnitts stellt sich mir folgende Überlegung. Geht es Steve und Jabu darum ihr Leben sinnvoll zu gestalten, „Teilzeit-Wohltätigkeit reicht nicht“, oder um Statusgewinn und gesellschaftlichen Aufstieg, „stellvertretende Grundschullehrerin“ und „Professor“?

Der Ausdruck „erste Frau bei den Mönchen“ weckt bei mir die Lachlust.

Die stete Verwendung des Begriffs „Rasse“ verursacht mir Bauchschmerzen.

Gordimers Darstellung von schwulen Männern finde ich zunehmend seltsam.

Sehr gut gefallen haben mir folgende Formulierungen, die gängige Sichtweisen in Frage stellen, „die unterschiedlichen Stammesbräuche der christlichen Familie“ und „Sitten und Gebräuche von Schwarzen, Indern und jeder genetischen Mischung daraus“.

Zu den Satzgebilden will ich vorerst nichts mehr sagen. Abgehackt wirkende Gedanken, nicht immer eindeutig markierte Bezüge, usw., liegen nicht an der Übersetzung, das ist Gordimer-Stil. Dazu könnt ihr euch ja alle noch mal die Zitate im Beiheft ansehen. Nadine Gordimer hat sich nicht in ihre Sprache reinreden lassen, selbst ihr Ehemann sah vor der Veröffentlichung keine Zeile.

Zum Abschluss noch eine formale Frage an den Verlag. Warum ist auf S. 32 Veld nicht kursiv?