S. 12-26 (glasperlenspiel13)

Ich bin nach diesem zweiten Abschnitt leider noch nicht wirklich „angekommen“. Nur sehr langsam reduziert sich die Distanz zu Steve und Jabulile, die anfangs vor allem aus der unpersönlichen Ansprache „er“ und „sie“ resultierte; später sich dann im Schreibstil manifestierte. Ich weiß nicht, wie es euch geht aber ich empfinde die Sprache manchen Situationen einfach nicht angepasst. Es klingt teilweise etwas zu gestelzt und kompliziert – die Szene des Umzugs ist nur ein Beispiel. Dann die vielen kursiv gedruckten Wörter. Welchen Sinn hat das für Euch? Nutzt sich das mit der Zeit nicht ab? Ungeschickt finde ich es im Allgemeinen auch sprachliche Bilder noch einmal zu bekräftigen:

„Er machte seine Arbeit gut, auch ohne großes Interesse, aber es war keine Würze mehr darin wie damals, als er gewusst hatte, dass er Sprengstoffe herstellte, um das Regime in die Luft fliegen zu lassen, während er einer weißen Industrie den Schein wahrte (im wahrsten Sinn). “

Mein Interesse geweckt haben die ersten Andeutungen von Steve bzgl. der gemeinsamen Vergangenheit mit den Genossen. Da bin ich sehr gespannt, was wir dazu noch erfahren.

Höhepunkt war für mich folgende Stelle: „Sie sagte sehr vernehmlich, ich will nicht dorthin.“ Plötzlich arbeitet Gordimer nicht mehr mit Dialogen / Gedankenstrichen. Als flüchtiger Leser hätte man es auch fast überlesen können. Die letzten Unternehmungen der beiden in Bezug auf ihre gemeinsame Zukunft werden auf einmal in Frage gestellt und mich befällt eine leise Ahnung, dass mit diesem Satz das Schicksal von Steve und Jabulile schon angedeutet wird.

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Satzauslese.

Nein, ich kann es nicht verschweigen: Nadine Gordimers Stil fordert mich wirklich heraus. Gleich zu Beginn des 2. Abschnitts stolpere ich über einen Satz, der mich wütend macht. Weil er so kompliziert und widerspenstig ist, borstige Bartstoppeln, die unangenehm pieksen. „Die Folgen für die Aspekte menschlicher Beziehungen, die früher per Dekret eingeschränkt waren, sind vielfältig.“ Hätte die Autorin diesen Satz nicht flüssiger formulieren können? Oder liegt es an der Übersetzung? Egal wie und woher, ich finde diesen Satz einfach nur hässlich. Er bringt Unruhe in den Lesefluss. Kurz bin ich davor, das Buch in die Ecke zu werfen. Ja, so sauer bin ich. Verflixt aber auch! Dennoch: Ich bleibe standhaft, lese weiter und erfahre mehr über die Protagonisten und die neue Freiheit. So durfte Jabu die Tochter in einer Klinik zur Welt bringen, „die sie früher nicht aufgenommen hätte.“ Danach folgt noch eine Erklärung, die wie Feuer brennt: „Es ist kein Wunder, sondern normales Leben. Es ist das Ergebnis menschlichen Kampfes.“ Das versetzt mir einen Schlag und führt mir erneut meine Unkenntnis über die Geschichte Südafrikas vor Augen. Bevor mich meine Gedanken weiter einnehmen, überrascht mich Nadine Gordimer kurze Zeit später mit einem Satz, der sich in meinem Kopf einmeißelt. Er ist kurz und enthält doch so viel Essenz. Ein Satz, mit dem ich Stunden verbringen möchte. Ein Satz, der meinen anfänglichen Zorn verpuffen lässt und wie eine Taschenlampe meine müden Augen aufweckt: „Jetzt ist alles danach.“ Ein Satz, der mich anstachelt, weiterzulesen, das „danach“ zu erkunden.

Bürgerlichkeit?

Gemeinsame Kinobesuche, Abendessen in Restaurants, ein Haus mit Garten: Steve, und widerstrebend auch Jabu, reagieren auf die durch die Verfassung von 1994 eingeläutete neue Zeit mit bürgerlichen Tendenzen.
Oder sind es nicht einfach menschliche? Solange alles Denken eines Menschen aus einem einzigen Ziel besteht – dem Kampf gegen die Apartheid, der Entstellung menschlichen Lebens schlechthin – solange wird er sich keine Gedanken machen, was er aus seinem eigenen Leben machen will. Und sollte dieser Zustand enden, so wird er immer noch von ihm bestimmt: Normalität als Ergebnis menschlichen Kampfes. Das Jetzt ist kein unbeschwertes Jetzt. Jetzt ist alles danach. Es definiert sich ausschließlich über die vorhergehende Epoche. Und so sind zunächst einmal jene Aspekte des Lebens bemerkenswert, die für uns vielleicht selbstverständlich, normal, bürgerlich, erscheinen. Sie entlarven aber in ihrer banalen Alltäglichkeit auch den unfassbaren Mangelzustand, der vorher herrschte.

Umzug in die Bürgerlichkeit

Ich bin enttäuscht: Rebeccas Ehemann heißt Steve, nicht Isaak! Ich hatte mich schon eingerichtet darauf, dass Rebecca Elieser den Krug reicht und anschließend seine Kamele tränkt. Es ist eben kein Verlass auf die zeitgenössischen Autoren. 😉

Die Revolutionäre werden also bürgerlich: Da der Zusammenhalt der alten Kampfgemeinschaft der Genossen zu schwinden beginnt und man sonst niemanden kennt, gründet man eine Kolonie. Man zieht dazu in die von den ehemaligen Unterdrückern verlassene Vorstadt, was wahrscheinlich keine so gute Idee ist. Aber man hat überhaupt, so scheint es, keinen Vorrat an guten Ideen für die Zeit nach der Revolution und nimmt sich auch keine Zeit, welche zu entwickeln.

Steve wenigstens fällt nicht viel mehr ein, als das Lebenskonzept seiner Eltern zu kopieren. Sicherlich, er ist etwas väterlicher mit seiner Tochter als es sein Vater mit ihm war, er engagiert sich in seiner Freizeit für die Rechte anderer, aber er kehrt zurück ins vorstädtische Eigenheim, noch dazu in eines, aus dem das Elend hervorgegangen ist, das er zu bekämpfen ausgezogen war.

Rebecca folgt Steve in dieses ihr fremde Leben (wenigstens das hat sie mit Isaaks Rebecca gemeinsam); sie weiß, dass sie nicht fort will aus dem, woher sie beide gekommen sind (und damit ist ganz sicher nicht nur Glengrove Place gemeint), aber sie weiß auch, dass sie nicht bleiben können, wo sie waren, und sie hat keine Alternative anzubieten. „Wie es ist, ist es geworden, gerade deshalb ändert’s sich.“ (Nein, das ist nicht von Nadine Gordimer.)

Zurzeit befürchte ich, dass hier einmal mehr der Mangelzustand der bürgerlichen Existenz durch den literarischen Wolf gedreht werden wird.

S. 12 – 26 (Bibliophilins Notizen)

Die Zeiten haben sich geändert. Obwohl sie schwarz ist und er weiß, können sie sich frei bewegen, ins Kino und ins Restaurant gehen.

*

„Ein Motorrad zerfetzte die Straße, wie wenn ein Blatt Papier jäh zerrissen wird.“

Dieser Satz ist wie ein Messer. Ich höre das Geräusch und schaue instinktiv zu meinem Kind, um mich zu vergewissern, dass es sich sicher ist. Schnelle Motorräder und laute Autos bedeuten Gefahr. Bei Steve ist das vorbeifahrende Motorrad ein Grund, seine Frau zu fragen, ob sie sich vorstellen könnte, in eine andere Gegend zu ziehen. In ein Haus in einem der Vororte, in dem Weiße leben.

*

Männer nur ins Stringtangas bekleidet tanzen an einem Swimmingpool zu Reggae Musik. Man spürt keine Gefahr, sondern nur Sorglosigkeit und Lebensfreude. Aber nicht alle können oder möchten sich amüsieren. Die Genossen haben ihre Päckchen zu tragen:

„Sein Bruder war einer von denen, die gefangen und getötet worden waren; die zerstückelten Leichen wurden auf einem braaivleis, einem Grillfest, von betrunkenen weißen südafrikanischen Soldaten verbrannt und in den Komati geworfen, eine der Grenzen zu Mosambik. Hoffentlich kommt ihm nicht diese Geschichte in den Sinn, während er die brutzelnden Würste für seine Genossen wendet.“

*

„Alles lacht befreit von der Vergangenheit“.

*

Der Umzug ist vorbereitet. Der Umzugstag ist nun gekommen. Jabu zweifelt aber:

„Zurücklassen, ein Tropfen im Raum. Von dem Ort, der sie aufgenommen hat, als sie nirgendwo unterkamen, als niemand ihnen erlaubte, als Mann und Frau zusammen zu sein. Das klandestine Leben ist das kostbare Geheimnis, das Gesetz hat es nicht erlaubt, die Kirche wollte euch nicht trauen, weder seine weiße noch ihre schwarze. Glengrove Place. Dieser Ort. Unser Ort.“

*

Ein neues Leben im DANACH fängt an. „Jetzt ist alles danach.“

Das Versteck verlassen

Das Ende der Apartheid ist erreicht, die Ungleichheit zwischen Menschen schwarzer und weißer Hautfarbe, zwischen den Nachkommen von Kolonialherren und Kolonisierten ist vorüber. Auch Steve und Jabulile können uneingeschränkt leben. Steve, der einstige Regimekritiker, der sein naturwissenschaftliches Wissen im Kampf einsetzte und seine Tätigkeit als Chemiker mehr als Tarnung denn als Berufung empfand, fühlt sich allerdings in diesem gefangen. Um so mehr als die Verantwortung für Kind und Familie auf ihm liegt. Ohne den revolutionären Kampf und dem unterschwelligen Bewusstsein des Verbotenen fehlt ihm die Motivation für den Alltagsberuf.

Die neue Ära ermöglicht Steve und Jabu neue Lebensumstände. Sie können ihr Versteck in Glengrove Place verlassen, an einen Ort ziehen, der sich von allen Restriktionen befreit hat. Doch auch hier in diesem einstigen Burenviertel, das jetzt von einer unkonventionellen schwarz-weißen Mittelstandsschicht bewohnt wird, spürt Jake immer noch die Unterschiede. Er war weder Opfer, noch schwarzer Kämpfer, er war privilegierter Afrikaans, der sein Wissen in den Dienst der Revolution gestellt hatte. Doch dies war für ihn nicht lebensnotwenig. Dieses Motiv der unterschiedlichen Motivation wiederholt Gordimer indem sie auf die Kindheit ihrer Figuren verweist. Während Jabus Wissen um wildwachsende Pflanzen eine Notwendigkeit war, sind Steves botanische Kenntnisse Bildungswissen. Steve ist ein Kind der weißen Oberschicht, trotz seines revolutionären Kampfes, auch Jabu spürt dies.

——–

Zum Teil mag ich diesen Stil sehr, dieses Knappe, nicht alles auserzählen und beschreiben zu wollen. Manchmal wirkt er aber auch drehbuchartig und sehr sprunghaft. Von den Überlegungen zum Milieu des neuen Wohnorts geht es übergangslos zu neuen Möbeln und Vorhängen.

Was mir nicht gefällt ist der allwissende, kommentierende Erzähler, z.B. „Hoffentlich kommt ihm nicht diese Geschichte in den Sinn“ S. 17; „…die Kirche wollte euch nicht trauen,…“ S. 25. Aber das gilt nicht nur für diesen Roman.

Außerdem wird der schwule Kirchenpool ziemlich todgeritten. Die erste Erwähnung amüsierte mich, die nachfolgenden drei Wiederholungen auf insgesamt acht Seiten fand ich ermüdend. So schlecht ist mein Gedächtnis nicht.

Bis auf diese kleinen Einschränkungen gefällt mir dieser Abschnitt ganz gut. Die Geschichte beginnt mich zu interessieren.

S. 12 – 26

Zu Beginn des zweiten Abschnitts wird klar, dass der Buchtitel „Keine Zeit wie diese“ (im Original: No Time Like The Present) nicht ohne Grund gewählt wurde. Nadine Gordimer macht den Titel zu einer eingängigen Phrase, die wie in einem antiken Chor immer wieder aufgegriffen und wiederholt wird. Als eine sehr wichtige, zentrale, Stelle empfand ich die folgende:

„Es gab ein Pleistozän, eine Bronzezeit, eine Eisenzeit.

Es schien, als sei ein Zeitalter zu Ende gegangen. Gewiss war es nichts Geringeres als eine neue Zeit, in der das Gesetz nicht nach Farbpigmenten gemacht wird und alle in einem Land, das gemeinhin ihres ist, überall leben, sich bewegen, arbeiten dürfen. Etwas mit dem konventionellen Titel ‚Verfassung‘ hat diese neue Zeit eingeläutet.“

Auch wenn immer wieder betont wird, dass eine neue Zeit eingeläutet worden ist, wird an diesem Zitat deutlich, dass die Schatten der Vergangenheit nicht so leicht abzuschütteln sind.

Man erfährt nun auch, dass der Mann von Jabubile Steve heißt. Steve und Jabubile können in dieser neuen Zeit ein scheinbar normales Leben führen: sie können zusammen ausgehen, im Hotel übernachten und ihre Tochter Sindiswa in einer Klinik bekommen, von der sie früher nicht aufgenommen worden wären. 1985 wurden die Unsittlichkeitsgesetze abgeschafft und beide scheinen den Sprung von der einen in die andere Zeit zu ihrem Vorteil geschafft zu haben. Steve hat eine jüdische Mutter und einen christlichen Vater, während Jabubiles Eltern der methodistischen Glaubensrichtung entstammen: eine chaotische Mischung, die die Möglichkeiten des neuen Südafrikas kennzeichnet.

Jabubile macht ein Fernstudium und genießt ihr Leben, während Steve immer wieder hadert. Früher hat er Sprengstoff hergestellt und war politisch aktiv. Seine Sehnsucht nach weißen Privilegien ist immer noch in ihm angelegt.

„Als ein mit allen Vorteilen gesegnetes Kind hatte er mit seinem Vater Bäume in Baumschulen gepflanzt und gelernt, botanische Namen mit bestimmten Stämmen, Blättern, Rinden zu verknüpfen. Sie hingegen hatte auf den Spaziergängen mit ihrer Großmutter in den Wäldern von Zululand gelernt, welche wilden Früchte essbar sind und schmecken.“

Die Unterschiede in der Herkunft und im Aufwachsen zwischen Steve und Jabubile werden an kleinen Begebenheiten immer wieder deutlich.

„Jetzt ist alles danach“ ist übrigens eine weitere Phrase, die immer wieder wiederholt wird. Jetzt ist alles danach bedeutet für Steve und Jabubile auch, dass sie Glengrove Place – den Ort, der sie aufnahm, als niemand sie haben wollte und duldete – verlassen können und an einen der von den Buren verlassenen Vororte ziehen.

Auch in diesem Abschnitt habe ich mich stellenweise wie auf dem offenen Meer gefühlt, ohne Sicherheitsnetz. Viele erwähnte Begriffe und Zusammenhänge sagen mir nichts. Es werden Angola und Kuba erwähnt, zwischendurch fällt ein Satz wie „ware Burenvorort, kein Zutritt für Kaffer zum Altar der Apartheid“. Nadine Gordimer setzt bei ihren Lesern viel Wissen über die südafrikanische Geschichte voraus.