Mein erster Eindruck

Nadine Gordimer war für mich bis jetzt eine Unbekannte  Ja, man muss sich auch mal Lücken eingestehen. Trotzdem schockierte es mich, da ich noch zu Schulzeiten sehr viel zu Südafrika gelesen habe. Mandelas Autobiografie war damals nur der Anfang. Aber ich bin ja noch jung genug und kann einiges nachholen. Daher freue ich mich sehr auf dieses Projekt.

Zunächst habe ich mir besonders gründlich die Biografie von Nadine Gordimer angeschaut und war schon allein durch ihren Werdegang von ihr eingenommen. Die mich kennen werden jetzt vielleicht schmunzeln, da es mir schon einige Male passiert ist, dass ich mich für den Autor an sich mehr interessiert habe als für das schriftstellerische Werk. Wir werden sehen, ob es mir bei Gordimer ähnlich ergeht.

Über die inhaltliche Seite des ersten Abschnitts wurde ja schon viel berichtet. Auch über die Widmung und die zwei Zitate. Das sind meiner Erfahrung nach ziemlich viele Bezüge und Verweise noch bevor der eigentliche Text beginnt. Und obwohl ich kein großer Lyrikfan bin, haben mich die wenigen Zeilen von Keorapetse Kgositsile berührt. Das Buch ist also jetzt schon ein Gewinn für mich. Mehr Poesie von ihm findet ihr hier (Seite 13-14).

„Sie war schwarz, er weiß. Das war alles, was zählte.“ – Wie viel doch zwei Sätze aussagen können. Kurz und prägnant verdeutlichen sie, wie abhängig die Biografie jedes einzelnen Bewohners Südafrikas von der Hautfarbe ist. Solche Sätze Sätze sollte es öfter geben denn auch ich hatte ein wenig mit dem verschachtelten Satzbau zu kämpfen.

Kurzes Fazit für heute:

1. Ich freue mich über die Entdeckung von Nadine Gordimer und Keorapetse Kgositsile.

2. Thematisch gesehen fühle ich mich zu Hause und bin gespannt auf für mich neue Aspekte bzgl. Südafrika und seiner Geschichte.

Advertisements

S. 9-11 (Wortgalerie)

Ich hatte von „Keine Zeit wie diese“ weder einen Klappentext noch etwas anderes Inhaltliches gelesen und wusste nicht, was mich erwartet. Bereits nach den ersten Seiten ist mir klar geworden, dass ich bisher kaum etwas über Südafrika und zur Apartheid gelesen habe und wie wenig ich darüber weiß. Besonders der Ort der ersten Seite irritierte mich, denn mit Glengrove Place assoziierte ich eine Stadt in England und nicht in Südafrika.

In den nächsten Absätzen wird die Thematik und die Verortung deutlicher – dennoch werde ich mir erst einmal ein paar Hintergrundinformationen anlesen.

Zur Stilistik kann ich nach diesen drei Seiten noch nicht viel sagen, aber dieser Satz hat mir im ersten Abschnitt am besten gefallen:

„In dieser Zeit kam sie zur Welt; ihr Name ist eine Unterschrift unter der Vergangenheit […]“ (S. 10 ff.)

Warum ich „Keine Zeit wie diese“ lese?

Weil ich noch nie etwas von Nadine Gordimer gelesen habe.
Weil Gordimer den Nobelpreis für Literatur bekommen hat und ich gerne ab und zu Bücher von Preisträgern lese.
Weil ich kaum etwas über die Zeit der Apartheid weiß und gerne mehr darüber erfahren möchte.
Weil ich Lust auf ein anspruchsvolles Buch habe.
Weil ich an diesem spannenden Projekt teilnehmen wollte.

Es ist bereits einiges zu den ersten drei Seiten des im Berlin Verlag erschienenen Buches gesagt worden. Mich hat Frau Gordimer noch nicht gefesselt. Sie schreibt sehr sperrig und ich verliere mich in ihren Sätzen. Sie fordert meine Aufmerksamkeit. Sie will, dass ich ihr meine Zeit widme. Leider ist meine Lesezeit an manchen Tagen knapp. Trotzdem möchte ich in das Buch und in eine Welt, die mir fremd ist, eintauchen.

Ich habe bereits eine Stelle gefunden, die mich sehr angesprochen hat. Jetzt brauche ich nur ein bisschen Geduld, um mich in der Geschichte zurecht zu finden.

Lesen, entdecken, reflektieren.

Nadine Gordimer ist für mich noch fremd, ein literarisches unbekanntes Land, das ich jetzt entdecken werde. Vor vielen Jahren hielt ich ein Buch der südafrikanischen Autorin in der Hand, aber unsere Zeit war noch nicht gekommen. Nun ist sie da. Bevor ich ihren neuen Roman „Keine Zeit wie diese“ aufschlage, möchte ich meine Hochachtung für die Literaturnobelpreisträgerin kundtun. Sie ist 88 Jahre alt, bald 89. Das ist eine absolut bewundernswerte Leistung, was die Autorin in ihrem hohen Alter noch schafft. Kurz frage ich mich, ob sie weiß, dass es dort draußen Menschen gibt, die auf Blogs über Bücher schreiben? Wenn sie es bis jetzt noch nicht wusste, wird dies nun der Vergangenheit angehören. Tausende Kilometer von ihr entfernt, sitzen Menschen, die Bücher über alles lieben, über sie schreiben und jetzt gemeinsam mit dem Berlin Verlag ihr neues Werk entdecken. Ich bin sehr gespannt und öffne das Buch mit leuchtenden Augen, voller Neugier.

Fremd. Da ist dieses Wort wieder. Auf den ersten Seiten balanciere ich unsicher, als wäre ich eine Seiltänzerin, die ihre ersten Tanzschritte auf dem Seil ausprobiert. Ich weiß nicht genau, wie ich schauen soll. Ich lächle zurückhaltend, bin überrascht, und ein bisschen schäme ich mich auch, spüre die Röte in meinem Gesicht, erst heiß, bald glühend. Weil ich kaum etwas über die Geschichte Südafrikas weiß. Sicherlich kenne ich Begriffe wie Rassenkonflikt und Apartheid. Doch sie fliegen wie Wolken über meinem Kopf hinweg und ich kann sie nicht greifen. Während mir das bewusst wird, blitzen plötzlich zwei Sätze auf, die mich treffen, etwas in mir bewegen und die Wolkengedanken auflösen. „Sie war schwarz, er weiß. Das war alles, was zählte.“ Wieder glüht mein Kopf, dieses Mal anders. Warum das so ist, weiß ich nicht. Vielleicht finde ich die Antwort, vielleicht nicht, doch eins macht sich nach den ersten Sätzen bemerkbar: Dieses fremde Land fasziniert mich und zieht mich an.

Nadine Gordimers Sprache fordert meine Aufmerksamkeit und ich ahne, dieses Buch wünscht sich Zeit. Zeit des Lesens, Zeit des Entdeckens und Zeit der Reflektion. Wie schön, dass ich diese Zeit mit anderen hier teilen werde.

„Sie war schwarz, er weiß. Das war alles, was zählte.“

Ein Zitat aus der Mitte des ersten Abschnitts, das den Bezugsrahmen setzt. Alles steht unter der Frage „schwarz oder weiß“, eine Epoche wird auf drei sperrige, kühle Seiten verdichtet:

Gordimer erzählt von einer Zeit, als die Hautfarbe alle Aspekte des Lebens bestimmten; als Bestechungen, etwa in Form höherer Mieten, notwendig waren um eine verbotene Lebensform zu kaschieren: das Leben eines Weißen mit einer Schwarzen; als man seinen afrikanisch klingenden Namen besser nicht auf Klingelschilder schrieb. Es ist die Zeit, in der sich die beiden Protagonisten ineinander verliebten, sie (Rebecca Jabulile) schwarz, er (noch ohne Namen) weiß. Eine Zeit, in der sie das Land erst einmal verlassen mussten, um sich verlieben zu können. Diese Zeit stand unter dem Zeichen der Apartheid. Sie dauert von 1927 bis 1994. Die beiden sind in eine unwirtliche Epoche hineingeboren, doch in ihr haben sie einander gefunden.

Anfänge …

… sind wichtig: Gordimer beginnt mit einem Ort, dessen Name nicht seiner Existenz entspricht:

Glengrove Place. Es ist weder glen noch grove, weder Schlucht noch Hain.

Benannt sei er, so vermutet die Erzählerin, aus sentimentaler Erinnerung an ein fernes, anderes Land, wo der Name wahrscheinlich einmal einer Existenz entsprochen habe. Aber nur der Name ist ausgewandert, nicht das Sein.

Glengrove Place erlaubte es dem illegalen Ehepaar Rebecca und ihrem Ehemann, dessen Namen wir noch nicht erfahren, zusammenzuleben. Er scheint aber keine Oase außerordentlicher Toleranz zu sein, sondern das illegale Zusammenleben des illegalen Ehepaars ist nur Gelegenheit für den Hauseigentümer und den Hausmeister sich ein paar zusätzliche Einkünfte zu verschaffen.

Sich kennengelernt und geheiratet haben die beiden als Studenten im Nachbarland; sie, Tochter eines Schulrektors und Enkelin eines methodistischen Kirchenältesten, war dort, um überhaupt studieren zu könne, er, weil er politisch aufgefallen war und deshalb die heimatliche Universität verlassen musste. Warum beide überhaupt in die Illegalität zurückgekehrt sind, wird dem Leser noch nicht verraten. Und warum er nach seiner Rückkehr dann doch nicht wichtig genug ist, damit staatlicherseits etwas gegen ihre illegale Existenz unternommen wird, auch nicht. Aber das Buch ist ja noch jung.

Zurückgekehrt sind sie in eine Gesellschaft, in der sie beide in erster Linie über ihre Hautfarbe definiert sind. Beide tragen im Blick der Rassisten ein körperliches Stigma der Zugehörigkeit zu einer „falschen“ Rasse: sie die schwarze Hautfarbe, er einen beschnittenen Penis. Gleich fällt mir die Geschichte von dem Schwarzen ein, der in der New Yorker U-Bahn eine jüdische Zeitung liest …

Abschnitt 1: S. 9-11 – Atalantes Eindruck

Dies ist mein erster Roman von Nadine Gordimer. Entsprechend ratlos war ich bei der Widmung an Reinhold Cassirer und den unter diesem Namen verzeichneten Daten. Dank des Wissens des WWW weiß nun auch ich, daß Cassirer der verstorbene Ehemann Gordimers ist. Die Daten bezeichnen Lebens- und Liebesspanne.

Es folgen zwei Zitate. Ein Satz Leo Tolstois aus „Krieg und Frieden“ zum Geschichtsbegriff von Freiheit und Zeilen des mir bis gestern unbekannten südafrikanischen Dichters Keorapetse Kgositsile, der sich alles andere als frei fühlt.

Der Roman setzt mit einem kurzen Prolog ein, in dem Gordimer die beiden Hauptfiguren und die Grundkonflikte vorstellt. Die Probleme der postkolonialen Gesellschaft Südafrikas scheint sie am Schicksal eines Paares aufzeigen zu wollen. Da wird auf nur drei Seiten sehr viel angekündigt: transkulturelle Identitäten, multiethnische und multireligiöse Ambivalenzen. Nicht zu vergessen die vermeintlich überwundene Apartheid und die damit verbundenen Ausgrenzungen und Verfolgungen. Dies stimmt den Leser zwar ein, andererseits wird so manches auch vorweg genommen.

Was Sprache und Stil betrifft, fände ich es sehr interessant hier einen Mitleser zu haben, dem das Original vorliegt. Manche Sätze wirken sehr verschachtelt, z.B. das Kommaungetüm am Ende des zweiten Absatzes auf S. 9.

Wer ein wenig mehr in die historischen Dimensionen einsteigen möchte, findet hier weitere Informationen.