* 70-79 Eine Frau, die sich sucht.

Eine Frau, nur halb, eine Frau, die sich sucht und andere Teile von sich, umherwandernd, stets die Frage im Kopf: „Wer bin ich?“ Das ist eine Frage, die viele Menschen beschäftigt, nicht nur Jabu. Vielleicht mag ich diesen Abschnitt deshalb so, weil er Vertrautes in mir streift und eine wunderschöne Antwort schenkt: „Mehrere in einem. Das bist du.“ Das andere danach ist mir allerdings fremd, das kennen nur Steve und Jabu: „Aber das endgültigste Ich bisher stammt aus dem Kampf. Was immer das heute bedeutet.“ Satz eins mag, Satz zwei ist wie ein Schlag in die Magengrube. Liebe Frau Gordimer, was sollte das? Oder bin ich einfach zu empfindlich? Werde ich zunehmend aggressiver oder verändert sich der Erzählton?

Im weiteren Verlauf beobachte ich Jabu, wie sie ihren beruflichen und privaten Weg weiterläuft, von der Schule in die Justiz wechselt. Und dann parallel noch den Wunsch nach einem Geschwisterkind für Sindiswa ausspricht. Wobei es eigentlich nicht wirklich um ein Geschwisterkind geht, sondern um einen Sohn. Und die Freiheit, die sie damit verbindet: „Einem Sohn gibt das, was er zwischen den Beinen hat, nicht die Rolle vor, die er in irgendeiner erweiterten Familie spielen wird, in der häuslichen oder in der Welt. Er ist frei geboren.“ Heißt das, Jabu will ein weiteres Kind, nicht des Kindes wegen, sondern wegen des Geschlechts und der eigenen fehlenden Männlichkeit? Das ist zu viel für mich.

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* 56-69 Glaubensfrage.

Dieser Abschnitt gibt Rätsel auf, zumindest für Steve. Wie kommt es, dass sich sein Bruder Jonathan plötzlich für das Judentum interessiert? Bislang lief die Religion nur beiläufig nebenher, wie der Weihnachtsmann, der einmal im Jahr erscheint und jetzt schickt Jonathan seinem Bruder eine Einladung zur Bar-Mizwa seines Sohnes. Jonathan spricht später davon, dass es nicht reicht, schwarz oder weiß zu sein, gehörten sie „zu etwas Näherem… Echterem…“. Wo mag dieser Gedanke herkommen? Oder war er dem Judentum immer schon nah, nur Steve war sich darüber nicht bewusst? Und warum das Judentum und nicht das Christentum? Und wer sagt, dass Menschen mehr wert sind, nur weil sie gläubig sind? (So interpretiere ich diese Beschreibung.) Das und dann der Dialog auf der Damentoilette in der Synagoge haben mich nachhaltig beschäftigt. Wie ist es euch damit ergangen? Und was sollte diese Bemerkung der Autorin: „Sie ist die einzige schwarze Frau, ja.“ Na, vielleicht bin ich einfach zu empfindlich und der Satz ist ganz normal. Nun denn, Fragen über Fragen, nichts als Fragen.

* 48-55 Da war sie wieder: die Nebelwand.

Sindiswa ist eine Brücke, die eine sprachliche Verbindung zwischen dem Nichtschwarzen und dem Schwarzen schafft. Sie ist es, die ihren Vater anstößt, die Sprache der Mutter lernen zu wollen. Er will nicht draußen stehen bleiben, taub und unwissend, wenn Jabu ihrer Tochter etwas auf isiZulu erzählt. An einer Stelle sagt Steve: „Ich bin kein Ausländer.“ Und doch fühlt es sich in solchen Momenten genauso an, wenn die Mutter ihrer Tochter etwas in der anderen Sprache erzählt. Daran sieht man die Teilung des Landes, in Nichtschwarz und Schwarz, die es nach wie vor gibt.

Der zweite Teil dieses Abschnitts ist reines Kauderwelsch für mich. Ich lese viel und verstehe wenig. Die Nebelwand vor meinem Kopf verschwindet nicht. Es ist mir ein bisschen peinlich. Ehrlich gesagt, habe ich eine Weile überlegt, ob ich das so offen sagen kann und diese Beobachtung mein stilles Kämmerlein verlassen darf. Aber so ist es, warum soll ich das schönreden? Die folgenden Sätze fordern viel Konzentration, die ich derzeit wohl nicht bieten kann. Statt mich darüber zu ärgern, lese ich einfach weiter und hoffe, dass die Nebelwand mit dem nächsten Abschnitt verschwindet. Vor einigen Tagen hätte ich mich daran aufgerieben, jetzt nehme ich es an, weil ich Seiten wie diese schon kenne. Manches ist bei Nadine Gordimer eben glasklar und anderes verborgen, verpackt in einem Dschungel aus Wörtern und Beschreibungen, die mich vor lauter Unwissenheit wahnsinnig machen können, bisweilen hölzern sind und pieksen, mal wohlwollend und mal unangenehm.

* 44-47 Nur ein Satz?

Ich habe es geahnt: Da kommt noch etwas. War der vorangegangene Abschnitt durchlässig wie eine Membran, hält mich dieser vom Lesefluss ab. Wieder streut Nadine Gordimer einen einzigen Satz hinein, so einen, der etwas in Bewegung setzt und mich gleichzeitig anhält. So überrascht wie am Anfang der Lektüre bin ich nicht mehr, erfreut aber schon. Ich erkenne an den markanten, herausragenden Sätzen ein typisches Gordimersches Stilelement. Diese Sätze sind ihre Fahnen, mit denen sie wedelt, um mir und den Lesern ein Signal zu schicken. Nun will ich nicht länger um den heißen Brei reden, sondern diesen Satz aus meiner Tasche zücken: „Solang er glücklich ist.“ Aber wer weiß, vielleicht sagt ihr: „Ja, und? Das ist doch ein ganz gewöhnlicher Satz.“ Für mich nicht. Nun, ich bin gespannt, wie ihr das seht.

* 38-43 Vater und Tochter.

Dieser Abschnitt las sich schnell. Ich war selbst ganz erstaunt, fast ein bisschen erschrocken. Alles war klar. Es gab keine gemeinen Reibungen in den Augen oder im Kopf, keine unangenehmen Störungen, stattdessen ein langer Fluss und entspannter Atem.

Die Autorin holt uns eine neue Person ins Blickfeld: Jabus Vater. Er ist Presbyter in der methodistischen Kirche für Schwarze und Leiter einer höheren schwarzen Knabenschule. Jabu ist eine „Vatertochter“ und genießt die Privilegien, die schwarzen Frauen sonst nicht zusteht: Bildung. Normalerweise hüten sie das Haus, „gingen eigenen Beschäftigungen nach und widmeten sich der Versorgung der Kinder, dem Kochen, mit diversen Arbeiten vom Gemüseanbau bis zum Bau von Unterkünften, dem Erhalt der Familiengemeinschaft.“ Jabu nicht, sie geht in die Schule, auch angetrieben vom Vater, der nach wie vor wie ein junger Schüler wissensdurstig ist. Jabu bringt gute Noten nach Hause, so dass der Vater sie im benachbarten Swasiland aufs College schicken will. Die Mutter protestiert, doch der Vater gewinnt. In Swasiland wird sie von Freiheitskämpfern aus Südafrika rekrutiert und bei der Rückkehr nach Südafrika festgenommen. Drei Monate sitzt sie im Frauengefängnis von Johannesburg, darf keinen Besuch empfangen, aber der Vater setzt sich bei der Oberaufseherin durch und darf ihr Kleider und Studienunterlagen zukommen lassen. Die Bücher enthalten Botschaften. Der Vater gehört keiner Organisation an, doch bei einer Demonstration schlichtet er zwischen den Schülern und der Polizei.

* 26-37 (Weiter. Immer weiter.)

Wieder ein Schritt weiter. Ich blicke tiefer in den Raum der Geschichte, spüre den erwähnten Wandel wie eine frische Windböe um die Nase ziehen und finde das Gespräch zum Ende hin mit Jabu, Steve, seinem Bruder und dem Geliebten sehr interessant, nicht immer leicht verständlich, wer nun spricht, aber ich mag diesen Dialog. Noch habe ich mich an den Schreibstil nicht gewöhnt, aber noch bin ich nicht auf Seite 50. Die 50 ist für mich immer die magische Zahl, bei der ich entscheide, ob ich am Ball bleibe oder ob ich das Buch zurücklege. Ich lese also weiter, immer weiter.

Satzauslese.

Nein, ich kann es nicht verschweigen: Nadine Gordimers Stil fordert mich wirklich heraus. Gleich zu Beginn des 2. Abschnitts stolpere ich über einen Satz, der mich wütend macht. Weil er so kompliziert und widerspenstig ist, borstige Bartstoppeln, die unangenehm pieksen. „Die Folgen für die Aspekte menschlicher Beziehungen, die früher per Dekret eingeschränkt waren, sind vielfältig.“ Hätte die Autorin diesen Satz nicht flüssiger formulieren können? Oder liegt es an der Übersetzung? Egal wie und woher, ich finde diesen Satz einfach nur hässlich. Er bringt Unruhe in den Lesefluss. Kurz bin ich davor, das Buch in die Ecke zu werfen. Ja, so sauer bin ich. Verflixt aber auch! Dennoch: Ich bleibe standhaft, lese weiter und erfahre mehr über die Protagonisten und die neue Freiheit. So durfte Jabu die Tochter in einer Klinik zur Welt bringen, „die sie früher nicht aufgenommen hätte.“ Danach folgt noch eine Erklärung, die wie Feuer brennt: „Es ist kein Wunder, sondern normales Leben. Es ist das Ergebnis menschlichen Kampfes.“ Das versetzt mir einen Schlag und führt mir erneut meine Unkenntnis über die Geschichte Südafrikas vor Augen. Bevor mich meine Gedanken weiter einnehmen, überrascht mich Nadine Gordimer kurze Zeit später mit einem Satz, der sich in meinem Kopf einmeißelt. Er ist kurz und enthält doch so viel Essenz. Ein Satz, mit dem ich Stunden verbringen möchte. Ein Satz, der meinen anfänglichen Zorn verpuffen lässt und wie eine Taschenlampe meine müden Augen aufweckt: „Jetzt ist alles danach.“ Ein Satz, der mich anstachelt, weiterzulesen, das „danach“ zu erkunden.