Eine individuelle Lösung

Der Appell „Lasst euch nicht durch schlechte Politik aus dem Land eures Herzens vertreiben“, mit dem Abschnitt 34 endet, kann für die folgenden Szenen in zweierlei Hinsicht als Orientierungspunkt dienen: Zunächst rückt die Präsidentschaftswahl näher, und großer Favorit ist Zuma, der mehrfach angeklagte und nie verurteilte ehemalige Genosse. Andererseits rückt auch die Auswanderung von Steve und Jabu näher, und es stellt sich die Frage, ob Südafrika überhaupt noch das Land ihrer Herzen ist.

Ich würde diese Frage zu diesem Zeitpunkt mit Nein beantworten. Der Grund: Ob Wohnort, Schule oder Karriere – die Entscheidungen, die Steve und Jabu in den Jahren nach der Apartheid für ihr Leben getroffen haben, waren durchweg private. Die Politik ist zum Großteil zu einer Veranstaltung am Pool der ehemaligen Kirche verkommen. Man redet viel, und tut doch zu wenig (auch in der eigenen Wahrnehmung). Mit jedem Schritt der Individualisierung bricht aber auch ein Stück Gemeinschaft: Zwar kämpft man für Gerechtigkeit und ein gutes Leben, doch der Großteil der Gesellschaft fällt immer weiter zurück. Hier einige wenige Beispiele der in diesen Abschnitten massiven Opposition zwischen Individualisierung und Gemeinwesen:

Die andere Welt, die Misere, wird immer mehr zu einem Außen: Jabu und Steve waren im Flüchtlingscamp vor der methodistischen Kirche, doch sie haben den Ort wieder verlassen, ihr Besuch zeitigte keinerlei Konsequenz zum besseren. Und Jabu wird erneut hingehen, im Auftrag des Justizzentrums, also beruflich, „um sich ein Bild von der Lage zu machen“, sich ein Urteil zu bilden.

Auch die Probleme in Garys Schule werden von Steve und Jabu so diskutiert, als ob Gary gegen die Verführungen einer quasi-faschistisch handelnden Oberstufe gefeit wäre. Opposition zwischen jenen, die den Gefährdungen ausgesetzt ist und dem eigenen Sohn Gary, der ja „stark“ ist und über den Dingen zu stehen scheint.

Auch der Kontakt zu den eigenen Leuten wird schwieriger. Jabu meidet sogar zum ersten Mal ihren Baba, sie kann es vor allem nicht ertragen, dass ihr Geburtsort zu Ostern eine Wahlkampfplattform für Zuma wird. Die zu ihrer Absage gehörige Lüge muss Steve leisten.

Und das bedrückendste Beispiel: Als Jabu gedankenverloren im Stau steht, wird sie vom wohl universalsten Appell eines Bettlers aufgeschreckt:  seine Hand zeigt in den leeren Schlund. Doch „was hätte sie anbieten können“? Als sie dieser Situation (unfreiwillig, der sich auflösende Stau trägt sie mit) entronnen ist, spürt sie zum ersten Mal einen Hass auf die Weißen. Die Frage, woher dieses Gefühl rührt, beantwortet bereits der vorhergehende Satz. Jabus Hass richtet gegen die Weißen, weil sie ihren Weg gegangen ist, von ihrem Baba initiiert. Also letztlich auf sich selbst, auf die Person, die sie auf ihrem privilegierten Weg geworden ist.

Dies ist vielleicht ein Hauptthema des Romans: Jeder wählt, sobald er kann, sobald sein Überleben nicht von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe abhängt, einen individuellen Ausweg, der es jedoch mit sich bringt, dass man sich als Individuum von einer Gemeinschaft entfremdet. Im Fall von Jabu ist dieser Ausweg besonders extrem, ihr Ausweg, so deutet es sich ja an, ist maximal: Australien. Das Erstaunliche daran: So klug Jabu auch sein mag (dies wird ja immer wieder betont), die wichtigsten Stationen auf dem Weg von kwaZulu bis Australien waren fremdbestimmt. Schon die erste Weiche, (weiße) Bildung, wurde von ihrem Vater  festgelegt. Und nun Australien, wohin sie nur mitgeht, nicht selbst die entscheidenden Schritte einleitet.  Eine Fremdbestimmung, die neue Privilegien mit sich bringt: vom um mehrere Zimmer größeren Haus bis zur freien Schulwahl, wieder einmal. Insgesamt ein Verlust von Heimat. Der Hass auf die Weißen, das ist ein Hass auf jene, die ihr den Ort ihres Herzens unmöglich gemacht haben.

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Ein Gedanke zu „Eine individuelle Lösung

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