Außenseiter

Die Probleme des Landes, vorgetragen durch die subjektiven Meinungen einer Vorstadt-Clique, die zum Großteil für ein demokratisches Südafrika gekämpft hat; Politik im Spiegel vielschichtiger privater Errungenschaften und Hoffnungen, Enttäuschungen und Kämpfe: Diese Klammer, die den Roman bisher zusammengehalten hat, präsentiert sich nun, da die Auswanderung von Steve mit Jabu, Sindiswa und Gary Elias so gut wie beschlossene Sache ist, noch einmal in einem gänzlich anderen Licht: Die Reeds sind plötzlich außen vor, ihre Perspektive nähert sich jener von Außenstehenden, die sich zwar für das Land Südafrika interessieren, es aber nicht mehr mit der Entschlossenheit früherer Tage verändern wollen. Oder zwar noch wollen, aber nicht mehr wirklich können/dürfen, weil ihre Entscheidung zwar nie von den Freunden kritisiert wurde, ihre Entscheidung aber ein Authentizitäts-Defizit mit sich bringt.

Der Blick auf Ereignisse scheint mir mitunter gelassener, weniger kämpferisch, mitunter einfach desillusioniert. Gleichzeitig stellt sich gerade bei Steve in Momenten eine gewisse Lockerheit ein, die ihm bislang völlig abgegangen war. Wohl noch nie konnte Steve etwa derart unbefangen bei Jabus Eltern sein wie jetzt, da fast feststeht, dass sie das Land verlassen werden. Einerseits findet also eine Art Entspannung statt, andererseits wächst das Bewusstsein, dass sie nicht das Recht haben, weiter ein Land zu kritisieren, dem sie den Rücken kehren wollen.

Interessant scheint mir in diesem Zusammenhang vor allem die Szene auf der Kundgebung. Steve entgegnet Peter, der sich über die neuen digitalen Protestformen der Jugend mokiert: „– Also müssen wir zum AK greifen, um für freie und faire Wahlen zu kämpfen?“

Er reagiert, wie er immer reagiert hat, als Genosse, der ohne Scheu seine Meinung zum Besten gibt. Allerdings merkt er an Isas Reaktion (und diese Reaktion entgeht ihm nicht), dass er gerade dieses Recht verwirkt hat. Er ist nicht mehr Genosse, es geht ihn nichts mehr an und deshalb wird ihm auch sein Urteil aberkannt. Er ist schon fast nicht mehr im Land: Was gehen Steve und Jabu die Hoffnungen jetzt noch an, die mit dieser Wahl verbunden sind. Aus Isas Sicht könnte sich die Situation ja in etwa so darstellen: Persönlich ist es den Reeds bisher ja ganz gut ergangen in der Post-Apartheid. Warum genau geben sie jetzt eigentlich auf? Der einzige aus der Vorstadt, dem die Probleme des Landes fast das Leben gekostet hätte, ist Jake, Isas Mann, und der denkt nicht daran, dieses Land zu verlassen.

Da Gordimer im Roman das Urteil über Verhaltensweisen dem Leser überlässt, finde ich folgende Auskunft, die ich leider nur über eine indirekte Quelle habe,  ziemlich aufschlussreich: laut Darryl Whetter, Dichter und Literaturdozent, kritisierte Gordimer J.M. Coetzee, als dieser vor nunmehr 10 Jahren nach, genau, Australien emigrierte.

Zum Thema „Unrecht herrscht überall„: Ich habe mich gefragt, warum Steve die Info-Seiten über Australien, bei dem das Land in puncto Umgang mit seiner indigenen Bevölkerung ja nicht sonderlich gut weg kam, unbedingt sofort mit Jabu teilen wollte. Wie wäre dieser Satz zu interpretieren: „Es ist kein anderes Land, wenn man Aborigine ist, dort drüben.“ Ein erstes Heimatgefühl, weil die indigenen Bevölkerungsgruppen in beiden Ländern auf eine Geschichte ähnlich grausamer Geschichte zurückblicken? Oder ändert der Versöhnungsakt, der in Australien stattgefunden hat, während er in Südafrika aufblieb, alles?

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3 Gedanken zu „Außenseiter

  1. >>Wie wäre dieser Satz zu interpretieren: „Es ist kein anderes Land, wenn man Aborigine ist, dort drüben.“

    Ich habe „anderes Land“ als „besseres Land“ interpretiert. Für die Ureinwohner beider Länder ist ihre Heimat kein guter Ort. Ich bezweifle, daß Steve sein Heimatgefühl an der Parallelität der sozialen Verelendung der indigenen Bevölkerung fest macht. Der Versöhnungsakt der australischen Regierung besteht auf dem Papier. Im Grunde ist er eine Farce, ebenso wie die Tatsache, daß Süd-Afrika von einem einstigen Kampfgenossen, noch dazu einem schwarzen, regiert wird, nicht bedeutet, daß die Ziele des Kampfes erreicht wurden. Im Gegenteil. Süd-Afrika leidet an den Postapartheidsproblemen, die durch die postkolonialen Probleme seiner Nachbarstaaten verschärft und durch die korrupte Regierung Zumas nicht gelöst werden. Auch Australien hat die koloniale Unterdrückung der indigenen Bevölkerung noch nicht überwunden, trotz einer demokratischen Regierung, die soziale Gerechtigkeit anstrebt. Ich glaube, Steve beginnt darüber nach zu denken, ob die Auswanderung tatsächlich eine gute Idee ist.

  2. Danke. Steves Ambivalenz sehe ich auch, nur, dass er in dieser Phase nur eine Seite sieht und fast zwanghaft auf der Suche nach guten Gründen pro Emigration ist. Also eventuell auch da, wo keine zu finden sind: Also, wie du schreibst, in einer „Farce“. Die Dynamik zwischen Steve und Jabu stellt sich mir so dar, dass er das Unternehmen Auswanderung angestoßen hat und nun versucht, sie von dessen Richtigkeit zu überzeugen. Sollte das so sein, würde er wohl kaum zu Jabu laufen und ungeduldig verkünen: „Sieh mal, in Australien ist es genauso schlimm wie bei uns.“

    • Da stimme ich Dir zu, Steve ist ein Meister im „Schönreden“, das zeigte sich bereits in anderen Situationen, z.B. der englischen Affäre. Aber ist es nicht sehr unwahrscheinlich, daß eine Juristin wie Jabu, die zudem politisch sehr interessiert ist, nichts von der Situation der Aborigines weiß? Sie schweigt also ebenfalls, um den Konflikt zu vermeiden. Ihre Konfliktscheu zeigt sie auch im Verhältnis zu ihrem Vater. Will Gordimer dadurch ein konservatives Rollenverständnis anprangern?

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