Gegensatzpaar

Zwar ist Steve mit dem Vorsatz aus London zurückgekehrt, die dortigen sexuellen Erlebnisse in einem quasi- phänomenologischen Akt in Klammern zu setzen, und doch nagen nach der Rückkehr Zweifel an seiner Lebensform. London lässt ihn nicht los. Einerseits hat er Gewissensbisse, verpasst die Gelegenheit, seinen Seitensprung zu gestehen. Andererseits zerbricht Stufe für Stufe Steves Antihedonismus, der bisher sein Leben bestimmt hat. Er ist auf der Suche nach einem normalen Leben nach dem Kampf und findet lange nicht, wie dies aussehen könnte. Letztlich aber wird er im Werk Epikurs fündig: Persönliches Glück ist nicht nur erstrebenswert, er hat auch ein Recht darauf.

Für Steve eine Ungeheuerlichkeit. Bisher war ja alles, was nicht im Zeichen des Kampfes stand, mit einem Makel behaftet. Hinter jedem gesellschaftlichen Problem stand bis in das gemeinsame Bett mit Jabu die Frage: Was werdet ihr tun? Und plötzlich wird persönliches Glück in Opposition zu einer Gegenwart gebracht, an der man durchaus (ver)zweifeln könnte, und deren große Missstände – Korruption, Bildungsmisere, soziale Ungleichheit, und das ganze unter der Frage: Dafür haben wir ein halbes Leben lang gekämpft? – eine neuen Mitspieler erhalten:

Xenophobie. Interessant, wie das Thema eingeführt wird. Man bekommt ganz gut mit, wie Steve tatsächlich tickt, wie er sich, seiner Gewohnheit gemäß, das Gehirn zermartert, angefangen bei einer Begriffsklärung mithilfe von Wörterbüchern, ein offenbar derart basaler Akt, dass er  Jabu zu der neckischen Bemerkung hinreißt, ob er denn vergessen hätte, wie man schreibt. Und es sind ja auch gute Gedanken. Begriffe nicht akzeptieren, fehlgehen. Thesen aufstellen. Das Resultat finde ich alles andere als banal oder vorhersehbar: Er kommt zu dem Schluss, dass  ein Wort wie Xenophobie von der Tatsache ablenkt, dass Südafrikaner im eigenen Land „ein Dasein als Flüchtlinge fristen, ausgegrenzt von unserer Wirtschaft, arbeitslos, obdachlos, von der Kunst des Bettelns leben, für ein kleines Trinkgeld Autos in Parkplätze einweisen …“ (S. 256) Also ein Wort für Steve Euphemismensammlung. Oder, wie es   der Afrikanist Lesego Moloi mit der handschriftlichen Umschreibung eines Protestplakats auf den Punkt bringt: Xenophobie … Armut.

Eine zweite Gegensatzpaar bilden immer mehr Jabu und Steve selbst. Steves verheimlichte Affäre, seine privaten Australien-Pläne, eine heimliche Abtreibung, politische Differenzen. Das Unausgesprochene gewinnt einen wichtigen Anteil im Leben der beiden. Mit einer Logik, die jener von Gary Elias‘ Zeugung spiegelbildlich gleicht, verheimlicht sie Steve dieses Mal nicht die unterlassene Kontrazeption, sondern eine abgebrochene Schwangerschaft. Sie treibt ab, ohne dass Steve es je erfahren sollte. Aus Karrieregründen? Denn während sich Steve im Mittelbau der Universität einrichtet, eröffnet sich für Jabu die Möglichkeit einer gut bezahlten Karriere in einer privaten Kanzlei.

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Ein Gedanke zu „Gegensatzpaar

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