„Was ist der Mensch und was kann aus ihm werden?“

Im vierten Buch von Laurence Sternes „Tristram Shandy“ gibt es das berühmte herausgerissene 24. Kapitel. Es wurde von Erzähler deshalb aus dem Buch entfernt, weil es zu gut war und so durch den Kontrast die Mittelmäßigkeit alles vorangegangenen (und vielleicht auch des noch kommenden) herausgestellt hätte:

… der Abfall war zu jäh; das hier ist so gänzlich verschieden vom übrigen Werk, daß ich mich beim ersten Satz auf dem Flug in eine andere Welt fühlte und darum das Tal, aus dem ich gekommen, so tief und drückend und elend fand, daß ich niemals ein Herz haben werde, noch einmal hinabzusteigen.

☞ Ein Zwerg, der einen Maßstab bei sich führt, um damit seine eigene Länge zu messen – glauben Sie mir’s auf mein Wort – ist in mehr als einem Sinne ein Zwerg. Soviel über das Ausreißen von Kapiteln. (Übersetzung: Rudolf Kassner)

In diesem Sinne stellt die Begegnung Jabus mit Ihrem Vater eine echte Überraschung dar. Jabu findet in ihrem Vater einen der Leugner jener Realität, die sie im Prozess gegen Jacob Zuma erfahren hat. Er glaubt, wie jene Anhänger Zumas, die vor dem Gerichtsgebäude protestiert und die Verbrennung der jungen Frau gefordert haben, an eine von den Weißen inszenierte, politische Kampagne gegen Zuma.

Jabu ist von dieser Erfahrung der Uneinigkeit mit ihrem Vater tief verstört; sie bricht ihren Besuch bei der Familie vorzeitig ab und gelangt auf der Rückfahrt zu einer erstaunlich tiefen Konsequenz dieses Konflikts mit ihrem Vater:

Es ist denkbar, dass ihr Vater, als er ihr gestern gegenübersaß, ihr Vater, der ihr als Kind die rechtmäßigen Chancen erkämpft, [sie] dem Rassenprivileg entrissen hat – dass ihr Vater sie, seine private Revolutionsleistung, als Teil der Weißen sieht, die Zuma fürchten und vernichten wollen. (S. 172.)

Einen Konflikt von solcher Tiefe und Unlösbarkeit hat das Buch bislang nicht gekannt. Hier taucht zum ersten Mal etwas tatsächlich zutiefst Menschliches auf, das das Erzählen lohnen könnte. Wollen wir hoffen, dass es nicht zum nicht herausgerissenen Abschnitt gerät!

Den Rest des Abschnitts füllt wieder einmal etwas gänzlich anderes: Jake, einer der alten Genossen des Ehepaars Reed, wird entführt, beraubt und beinahe umgebracht. In der Not seiner Familie während Jakes Rekonvaleszenz erweist sich Marc, der Theaterautor aus der Schwulen-WG, als der einzige, der Willens und in der Lage ist, praktische Hilfe zu leisten. Einmal mehr soll wohl auch hier die Beschreibung einer menschlichen Trivialität Bedeutsamkeit suggerieren und tut doch nicht mehr, als einige Zeilen zu füllen.

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