22.April 2009

Am 22. April 2009 fand in Südafrika die dritte freie Wahl nach Ende des Apartheidregimes statt. Es ist das erste Datum, das im Roman konkret genannt wird, und tatsächlich dreht sich in den Abschnitten 38–43 fast alles um diesen 22. April 2009. Auch für Steve und Jabu, obwohl sie nach Meinung der Nachbarn ihr Wahlrecht, das sie ja offiziell noch besitzen, durch ihre bevorstehende Emigration verwirkt haben.

Für den Rest der Nachbarschaft gibt es überhaupt nur zwei Parteien, die zur Debatte stehen: ANC und COPE. Wer für den ANC stimmt, bedingungslose Loyalität gegenüber „Mandelas Partei, die uns die Freiheit gebracht hat“, für COPE, einer Abspaltung des ANC könnten sich jene entscheiden, denen mit Terror Lekota das ursprüngliche Ethos des ANC wichtiger ist.

Die einzige aus der Vorstadt, die ihre Stimme Terrors Partei gibt, scheint Jabu zu sein. Steve ist tatsächlich nicht gewählt und alle anderen haben für Zuma gestimmt. Dieses  Hochrechnung aus der Vorstadt zeigt, warum sich der ANC an der Macht halten konnte, obwohl sich die Zustände im Land auf vielen Ebenen drastisch verschlechtert haben, und warum Zuma trotz aller persönlichen Verfehlungen das Präsidentschaftsamt erringen kann: Alles gerät gegenüber jenem höchsten Gut, für das man gekämpft hat, in den Hintergrund : Freiheit, insbesondere die Freiheit, jene zu wählen, denen man seine Freiheit mit zu verdanken hat. So krankt Südafrika heute an seinen Helden, denen man wohl alles verzeiht. Mag man auch noch so sarkastisch, empört und abfällig über sie reden, am Ende wählt man sie doch. Die Verdienst aus vergangenen Tagen scheinen so groß, dass sie die Verzeiflung der anderen Seite (Steve und Jabu) überragen: „Wer hätte denn in seinen schlimmsten Träumen geahnt, dass man so enden könnte, angewidert, beraubt aller Hoffnungen und Hoffnungsträger.“ (S. 424)

Am Ende des vorhergehenden Abschnitts hieß es, „die Gegenwart hält nicht an – sie hat keinen Bestand“ (S. 384). Dennoch scheint es im Leben der Vorstadt einen Fixpunkt zu geben, es ist dieser 22. April 2009. Und letztlich liegt ja im vorhersagbaren Ergebnis, den dieser Tag zeitigen würde, für Steve und Jabu der wichtigste Grund, das Land zu verlassen.

Gordimer in ZEIT LITERATUR

In der heutigen Ausgabe der Zeit (Nr. 49) gibt es eine LITERATUR-Sonderbeilage, in der es ein schönes Interview mit Nadine Gordimer gibt, in dem sie mit Christiane von Korff nicht nur über ihren Roman spricht, aber ihn zwischendurch auch thematsiert:

„Steve und Jabulile sind nicht nur durch erotische Anziehung miteinander verbunden, sondern auch durch den gemeinsamen politischen Widerstand. Nach dem Ende der Apartheid heiraten sie und bekommen ein Kind. Mich hat beschäftigt, was es für zwei Menschen, deren Beziehung einst verboten war heute bedeutet, miteinander zu leben. […]“

 

*226-263 (aus.gelesen)

Die Heimkehr Steves von der Tagung wird von der Familie mit Freude begangen, doch trotz dunkler Beeren beließen Jabu und Steve es bei Küssen, nichts weiter geschah. Steve hat Gewissensbisse ob seines Seitensprungs, überlegt sich, ob er beichten soll, versäumt aber den Augenblick: „Der Augenblick kam; und ging – in der Zeitspanne, die geeignet gewesen wäre, ist Jabu redselig“ womit Steve einen Verantwortlichen gefunden hat für sein Verschweigen…

Ein großer Teil des Abschnitts ist dem Problem der Flüchtlinge gewidmet, die den Segnungen des Regimes von Mugabe in Simbabwe entkommen wollen und in Südafrika Zuflucht suchen. Aber sie suchen halt nicht nur Zuflucht, sondern auch Unterkunft, Nahrung, sauberes Wasser, Arbeit.. und treffen damit auch Einheimische, die am Gleichen Not leiden. Christliche Nächstenliebe und tägliche Realität liegen oft im Widerspruch: „Reden allein hat keinen Sinn. Was meinst du denn, mein Bruder, was wir tun sollen. Zu dieser Kirche gehen und sie zu uns nach Hause einladen? Bist du bereit, dieses Zimmer zu teilen?

Außerhalb des Elends in den Lagern konstrastriert der Anblick einer neuen Mittelschicht, die in gesicherten Wohnanlagen haust und aus schwarzen und weißen besteht. Deren Kinder fahren in Schuluniformen im fröhlichen Zick-Zack auf der Straße. Diese Mittelschicht verteidigt ihren Besitzstand, Obdachlose, die sich in der Gartenanlae einquartiert haben, werden per Polizei entfernt.

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Jabu und Steve diskutieren über diese Widersprüche, gleichzeitig tritt für sie das familiäre Problem auf, daß Gary Elias die Schule wechseln will. Überhaupt sind die beiden Kinder sehr unterschiedlich, Sindi ist ein lebensbejahendes junges Mädchen, das Theater spielt und die Welt umarmen will, Gary Elias ist dagegen eher verschlossen. Um bei seinem Freund bleiben zu können, will er die Schule wechseln und läßt sich nicht davon abbringen. Weswegen die Mutter am ersten Schultag als Begleitung für den Sohn unerwünscht ist, verstehe ich jedoch nicht (S. 244)

Zur gleichen Zeit entstehen Unruhen zwischen den Flüchtlingen und den Einheimischen, die Flüchtlinge, die afrikanischen Brüder mutieren langsam, aber sicher zu Fremden, zu Ausländern: „Dieses Gesocks, sollen sie sich doch verpissen, voetsak zu Mugabe zurück, sie sind nur hergekommen, um zu klauen, uns auf der Straße die Taschen wegzureißen…“ Gerade die ärmsten der Südafrikaner, die in Townships hausen, fühlen sich in die Enge getrieben: „Sie verteidigen verzweifelt, im schlimmsten Fall gegen die eigene Lage, ihre erbärmlichen abseligkeiten, letztlich nur Abfall, das eigene Überleben“ Aber nicht nur Wethu lamentiert, auch in den Hörsälen wird diskutiert. Und einer streicht das Wort: Xenophobie auf dem Plakat durch, ersetzt es durch Armut.

Kann man in so einem Land leben, welche Zukunft haben die Kinder? „Innerhalb dieser Wirklichkeit bewirkt er nichts, wird nie irgendwas bewirken … geh weg. Geh weg! Wie wird das Leben für Sindiswa und Gary Elias sein. Geh weg...“ dieser Gedanke nistet sich bei Steve ein. Passend dazu ist die Info und Frage von Bruder Jonathan, daß sein Sohn eine Ausbildung machen will, mit der er im Ausland Chancen hat und ob Steve ihm da weiterhelfen kann.

Während die Schule Gerechtigkeit in Szene setzte, damit die Kinder sie als ihre Voraussetzung dafür begreifen, dass sie auch in Zukunft in diesem Land leben können, erzählte Jonathan vom gelungenen Plan eines anderen Kindes, aufzugeben, wegzugehen. – Jonathan hat angerufen, der Sohn Ryan will auswandern.

Jabu eröffnet sich eine Möglichkeit für ihre berufliche Karriere.. und die Frauärztin stellt fest, daß sie schwanger ist…. Das ist es, das normale Leben nach dem Kampf: Das Recht auf Glück, egal, an welchem Ort. Wichtig ist, daß das Private an erster Stelle kommt.

S. 383 – 424

Vielleicht liegt es an meiner mangelnder Konzentration, aber es fällt mir im  Moment sehr schwer, die ganzen politischen Beschreibungen rund um die Wahlen zu verstehen. Häufig lese ich mehrmals, mache mir Anstreichungen und doch habe ich das Gefühl, häufig nicht einmal die Hälfte zu begreifen. Die ganzen unterschiedlichen Namen der Politiker, die Parteien und ihre Abspaltungen, die Ausführungen zur Bildungspolitik … all das rauscht irgendwie an mir vorbei, ohne dass ich es wirklich greifen könnte. Ich empfinde es einfach als zu viel, zu detailliert und zu vieles von dem, was Nadine Gordimer beschreibt ist mir einfach unbekannt. Ich hätte mir gewünscht, dass sie den Detailreichtum, den die politischen Ausführungen haben, lieber in die Ausgestaltung der Personen gesteckt hätte.

Auf Garys Schule gab es wieder einen „Vorfall“, doch Steve entscheidet, dass er das Schuljahr dort zu Ende absolvieren wird.

Auch wenn es mir ähnlich wie Atalantes geht und ich das Gefühl habe, dass Jabu sich noch gar nicht wirklich entschieden hat, mitzugehen, werden die Pläne für Australien immer konkreter. Die ersten Fotos und Prospekte von ihrem dortigen Haus treffen bei den Reeds ein. Ich wäre nicht überrascht, wenn Jabu sich noch kurz vor der Auswanderung dagegen entscheiden würde.

Sprachlich ist der Roman bisher ansonsten wirklich keine Offenbarung. Ich stolpere immer wieder über unverständliche Sätze und komplizierte Satzkonstruktionen. Ein Beispiel von S. 385: „Sie ist nicht die bereitwillig vertrauensvolle, offene junge Frau, sein Mädchen bei der Entdeckung der Sexualität als eines natürlichen Bestandteils der politischen Entdeckung in Swasiland […].“ Ach ja.

Die Namen der Politiker fand ich aber wirklich toll, das muss ich einfach anmerken: Tokyo Sexwale. Und auch der Name Terror ist natürlich sehr imposant.

S. 383-424 (Wortgalerie)

„Sie sind sich einig“ (S. 385) was das Auswandern nach Australien angeht. Bei dieser Formulierung musste ich an den Anfang des Romans denken, als Jabu dem Umzug nach Glengrove Place zwar zugestimmt hat, kurz davor jedoch sagte, dass sie nicht mit will. Vielleicht wird sich so eine Szene noch wiederholen, bzw. stellt sich die Frage, ob die Reeds gegen Ende des Romans tatsächlich Übersiedeln oder etwas dazwischen kommt, das es verhindert.

Nach einem weiteren Vorfall an Garys Schule bringt der Erzähler den Determinismus der Geschichte zu Wort:

„Die Geschichte ist immer bereit für eine Wiederkehr. Der Mann kann doch das, was hier passiert, nicht als Panne bei der Erzeugung einer frei denkenden Generation in einem freien Land betrachten“ (S. 395)

Jacob Zuma ist in der Zwischenzeit zum Präsidenten gewählt worden, wir befinden uns also im Jahr 2009, und es macht sich Resignation angesichts der Probleme im Land breit:

„Was ist denn der Unterschied zwischen nichts tun und, unter extremen Widerstand, zu der Einsicht gelangen, dass alles, woran man geglaubt, wofür man gekämpft hat, noch nicht annähernd umgesetzt ist […]“ (S.423).

Klasse statt Rasse

„Nichts ist wie es scheint“, so hätte der Titel des Romans auch lauten können. Kirchen sind keine Gotteshäuser mehr, sondern Delphinarien oder Notunterkünfte, Homo- werden zu Heterosexuellen, Revolutionsgenossen zu etablierten Bürgern oder schlimmer zu korrupten Herrschern. Selbst der gerechte Gottesmann Gumede kommt von seinen Prinzipien ab und Steve und Jabu, die als Kämpfer und als illegales Paar ihre Existenz für ihr Land auf’s Spiel gesetzt haben, kehren diesem nun den Rücken.

Oder doch nicht? Meiner Meinung nach gab es im letzten Kapitel viele Indizien, daß sie diesen Schritt nicht unternehmen. Besonders Jabus Ausweichen vor einem Zusammentreffen mit Baba ist für mich ein Zeichen, daß ihre Entscheidung für Australien noch schwankt. Den Argumenten Babas würde sie nicht standhalten. Deshalb will sie nicht nach KwaZulu, Zuma war ein eher kollateraler Grund.

Doch in diesen Kapiteln mehren sich die Zeichen, die gegen ein Bleiben sprechen. In Südafrika ist die Ungleichheit zwar nicht mehr von der Rassen- jedoch von der Klassenzugehörigkeit abhängig. Und sie nimmt seit dem Ende der Apartheid zu. Jabu hat Angst um die Zukunft ihrer Kinder, in diesem Staat mit seinen unbeeinflussbaren Machtstrukturen. Ihr stehen die Haare zu Berge, nicht nur wenn sie aus der Dusche kommt.

Allerdings, und hier ertönt mein APPELL AN VERLAG UND AUTORIN, doch einen winzigen, klitzekleinen Blick eines Lektors zuzulassen. Denn als ich MEDEA las, standen mir die Haare zu Berge (S. 385). Vielleicht standen auch Medea die Haare zu Berge als sie Jasons Pläne durchblickte, aber normalerweise nicht. Jedenfalls nicht so wie der MEDUSA, die hier gemeint ist, auch wenn deren Haare, aber das führt zu weit. Man muss nicht notgedrungen wissen, daß es sich bei diesen um Schlangen handelt. Doch ausgerechnet ein falsches Bild als Beispiel für kulturspezifisch bedingtes Unwissen anzuführen ist peinlich.

Das kann aber in der nächsten Auflage korrigiert werden. Nicht korrigiert wird sicherlich folgender Satz, dem ich widerspreche. „Die Geschichte ist immer bereit für eine Wiederkehr.“ Das kann sie nicht sein, weil das wiederkehrende Ereignis bereits auf historischen Boden fällt.

Es folgen Hinweise zur literarischen Aufarbeitung der Probleme der Aborigines durch Germaine Greer, Überlegungen zu Sprache und Bindung und schließlich Zumas Wahlsieg. Die von diesem getroffene Aussage, der ANC regiere bis zur Wiederkunft des Herrn, wie die Mohammedkarikatur als Blasphemie zu deuten, halte ich für falsch. Eine solche Aussage weist auf das Selbstverständnis Zumas hin. Er sieht sich als Herrscher von Gottes Gnaden, nicht als ein vom Volk gewählter Repräsentant.

*305-382 (glasperlenspiel13)

Und das Leben geht weiter…

Delphine werden hetero und heiraten. Zuma verstrickt sich immer weiter in Korruption – „Das ist das Ergebnis der Jahre im Gefägnis, im Exil, dafür sind Genossen im Buschkampf gefallen.“ – Das Bildungssystem steht weiterhin am Pranger. AUSTRALIEN wird immer konkreter. KwaZula einst sicherer Hafen wird nun, wenn möglich, gemieden. Wieder AUSTRALIEN. Politische Scharmützel. Wahlen. Zuma. Noch mal AUSTRALIEN, Wahlkampf usw.

Ich benötige all meine Konzentration, um in diesem politischen Wirrwarr den Überblick zu behalten, was mir letztendlich kaum gelingt. Ich gestehe, dass ich mich gerade die letzten Absätze ein wenig gequält habe. So ist auch meine gedankliche Ausbeute bzw. dieser Beitrag nicht sonderlich umfangreich. Das Ende naht und damit stellt sich mir langsam die Frage, was ich aus diesem Text von Gordimer mitnehmen werde…..