Drei Fragen

Statt einer Zwischenbilanz möchte ich drei Fragen in den Raum stellen. Ich freue mich auf eure Antworten, auf weitere Fragen und die sich anschließende Diskussion.

1. Konnte euch der Roman bisher die südafrikanischen Verhältnisse näher bringen oder euer Interesse für das Land wecken?

2. Offensichtlich hat es wenig Sinn, nach euren Lieblingscharakteren zu fragen. Deshalb die Frage: Hat es vielleicht System, dass Gordimer ihre Charaktere nicht gerade mit Empathie überhäuft? Ist die Distanz Ausdruck einer Desillusionierung, einer Katerstimmung nach der Euphorie der mittleren Neunziger Jahre?

3. Die Reeds schicken die eigenen Kinder auf privilegierte Schulen, aber insbesondere Steve kämpft gleichzeitig für ein gerechtes Bildungssystem. Nur ein Beispiel von vielen, wo Ideale auf die Wirklichkeit prallen. Ist dies glaubhaft oder eine Aneinanderreihung von Klischees?

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6 Gedanken zu „Drei Fragen

  1. Hallo an alle,

    dann will ich mal den Anfang machen. 🙂
    Aufgrund der Tatsache, dass Nadine Gordimer recht viel Wissen über die südafrikanische Geschichte voraussetzt, habe ich mich – dank Google und Wikipedia, auch ein Stück weit mit dieser beschäftigt. Ich habe entdeckt, dass ich in dieser Hinsicht eine frappierende Bildungslücke habe und hoffe, diese mithilfe des Romans noch ein bisschen stärker füllen zu können. Was die abgebildeten Verhältnisse betrifft, fällt mir eine Antwort schwer, da mir vieles was Nadine Gordimer beschreibt plakativ und klischeehaft erscheint.
    Meine bisherige Lieblingsfigur ist der Vater von Jabu, der auf mich einen sehr interessanten Eindruck macht. Schade, dass er bisher noch keine größere Rolle spielt – ich würde gerne noch mehr von ihm erfahren und über ihn lesen.
    Ich habe in meiner ersten Antwort bereits auf eine gewisse Klischeehaftigkeit angespielt, da ich über südafrikanische Verhältnisse jedoch auch nicht besonders viel weiß, bin ich mir unsicher, ob ich mir wirklich ein Urteil erlauben darf.

    Viele Grüße
    Mara

  2. Gordimer will in ihrem Roman gegen die bestehenden postkolonialen Probleme der Postapartheidgesellschaft anschreiben. Auf den ersten hundert Seiten arbeitet sie dies meiner Ansicht nach sehr schematisch ab, ein Punkt nach dem anderen wird zum Thema der meist gleichlangen Kapitel, ihre Personen wirken noch sehr marionettenhaft.
    Vielleicht ist es kein Klischee, daß auch einstige Genossen nach dem Kampf nur noch sich selbst am nächsten sind. Aber die Autorin benutzt viele Klischees. Will sie so ihr Anliegen verständlicher machen? Darum auch die häufigen Wiederholungen? Da es ihr laut eigenem Bekunden egal ist, was die Leser mit ihrem Roman machen, müsste sie sich darum nicht bemühen.

    Manchmal kommt ein wenig Sarkasmus auf, ihre Bezeichnung religiöser Handlungen als christliche Stammesriten bzw. afrikanische Sitten und Bräuche. Einzelne Szenen beschreibt sie sehr lebendig, den Tumult während derStudentenrevolte. Gut gefallen mir auch die Motivwiederholungen, Babas Dazwischengehen beim Schüleraufstand – Steves vorgestelltes Handeln beim Studentenaufstand, Andrews und Jabus Unverständnis für homosexuellen Sex. Mir gefällt jedoch die Sprache des Romans nicht besonders gut. Mich stören die oft unklaren Bezüge, besonders wenn die Autorin zu wenig zwischen Erzähler und Personen differenziert.

    Eine Lieblingsfigur? Viele, alle bisherigen und noch auftretenden Homosexuellen dieses Romans. Als Einzelfigur höchstens Gary E., immerhin langweilt er sich beim Fußball, aber ich befürchte er bleibt es nicht lange.

    Was kommt noch in Gordimers südafrikanischer Soapopera?

  3. im moment bin ich zeitlich etwas im druck, daher auch inhaltlich noch nicht so weit wie ihr, im übertragenenen sinne habe ich noch nicht einmal das delphinarium besucht… daher meine antwort spontan und in aller kürze:

    zu 1) ja, interesse ist geweckt worden, ich habe ja sogar einen frühen (wenn auch kurzen) erzählband von gordimer parallel gelesen. habe mir auch ein buch von michael ondaatje besorgt, aber das spielt überhaupt nicht in südafrika… noch nicht einmal auf das doppel-„a“ ist verlass. um etwas über die apartheid-zeit zu erfahren, sollte man aber auf ein anderes buch von gordimer als diese „keine zeit…“ zurückgreifen, denn sinnvoll wäre es sicherlich, sich vorher (oder parallel) über diese zeit zu informieren.

    zu 2) ich vermute ganz bösartig, genauso wie gordimer ihre leser egal sind, genauso egal sind ihr ihre charaktere. könnte es sein, daß der roman ohne großen plan entstanden ist, sondern eher eine anhäufung von „.. das muss auch noch rein, und dies und jenes und ist wirklich dort die haut am zartesten und wie soll ich das als frau wissen vllt bekomm ich ja ´nen leserbrief darüber…“

    zu 3) nennt man dies nicht „die normative kraft des faktischen“? und ist diese nicht in berlin-kreuzberg genauso zu hause wie in den städten der usa? der eigenen brut das beste zukommen zu lassen, wird wohl bei allen eltern mit der stärkste handlungsimpuls sein, noch über dem revolutionären… insofern absolut glaubhaft. und ob steve kämpft.. im grunde hat er sich doch eher auf das „davon träumen“-zurück gezogen….
    revolutionen sind „einfach“, solange sie blutig sind, soll heißen, in der phase des kampfes muss man nicht allzuviel denken, sondern kann sich auf den umsturz, die zerstörund des vorhandenen, verhassten regimes konzentrieren. eine alternative (und wenn sie dann sogar noch besser sein soll) aufzubauen, ist sehr viel schwieriger und führt fast immer zu desillusionierungen und dem zusammenstoß mit der normativen kraft .. etc ….
    was mir jetzt beim schreiben auffällt: hat gordimer ausser der abschaffung des apartheid-systems mit den direkten folgen der gleichen rechte für alle eigentlich schon einmal an irgendeiner stelle was positives herausgestellt? also etwas, was die neue regierung, welche auch immer, originär geschaffen oder durchgesetzt hat?

    die werten leser mögen mir meinen ton verzeihen, es ist noch früh am morgen, die ganglien sind noch vom tau der nacht benetzt…

  4. Nachdem ich die Fragen gestellt habe, will ich sie nun auch mal beantworten (ich bin nicht DER Berlin Verlag, sondern heiße Stephan Pauli und blogge FÜR den Verlag hier mit; ich muss bei Gelegenheit mal einen kleinen Steckbrief auf der Seite „Paten“ unterbringen.)

    Frage 1: Selbst wenn die Chronologie von Ereignissen nicht im Fokus des Buches zu stehen scheint, habe ich über die Lektüre vieles über die Entwicklung Südafrikas in den letzten beiden Jahrzehnte erfahren, darunter auch peinlichere Wissenslücken: Das Datum, als die Apartheid endete, das Jahr, in dem die neue Verfassung in Kraft trat. Begriffe wie Immorality Act.
    Frage 2: Ja, das denke ich. Und ich denke, Gordimer verfolgt einen Plan und packt nicht alles, was sie kriegen kann, in den Roman. Motivwiederholungen deuten darauf hin. Und: Trotz aller Distanz sind ihr ihre Charaktere keineswegs egal.
    Frage 3 möchte ich anhand der des öfteren beanstandeten Behandlung von Homosexualität beantworten.
    i) Im Buch sind immer wieder homophobe Aussagen zu finden.
    ii) Sie sind immer einer bestimmten Person zuzuschreiben.
    iii) Sie sind unangenehm, sie sind voller Klischees. Doch die drastischen Worte, die Gordimer verschiedenen Personen zuschreibt, sind dem Thema angemessen: Homophobie zeichnet sich weder durch differenziertes Gedankengut, noch durch eine gemäßigte Wortwahl aus. Sie ist irrational und in Südafrika leider überdurchschnittlich verbreitet. Hierzu ein interessantes Interview.
    iv) Die Wiederholung vom Delphin nervt vielleicht, ist aber konsequent. Für die Nachbarn sind der vielbesuchte Swimmingpool (haben die nichts zu tun?) und die Homosexualität (können die mit ihren Körpern nichts besseres anfangen?) die wichtigsten Identitätsmarker, wenn es um den Dramatiker Marc und seinen Partner geht, und für eine solche Identität haben sie eine scheinbar harmlose, letztlich jedoch despektierliche Bezeichnung gefunden: Delphine. (Wer schon einmal einen ungeliebten Spitznamen verpasst bekommen hat, weiß vielleicht, wie oft man damit konfrontiert wird und wie schwer es sein kann, ihn wieder loszuwerden.)
    v) Die Frage ist, ob es bei den verbalen Entgleisungen bleibt. Ich rechne mit einer Verschärfung. In diesem Fall fände ich die Wiederholung homophober Motive, auch in ihrer Schärfe, konsequent und gelungen.

    • Ich finde es nicht einfach, die homophoben Aussagen tatsächlich immer einer bestimmten Person zu zuordnen.
      Neben eindeutigen Äußerungen oder Gedanken von Jabu, Steve, Pauline, Andrew und Isa, zählt z.B. Delphinmänner zum Repertoire des Erzählers, oder auch die Charakterisierung dieser Gruppe, z. B: „..Guy, der Lehrling (auch hinsichtlich der sexuellen Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft?)“, S. 113. (Nebenbei Delphintechnik ist auch eine Bezeichnung für Analverkehr, die Verlinkung eines entsprechenden Belegs spare ich mir.)
      Wenn ich mir alle bisherigen Stellen ansehe, frage ich mich, warum Gordimer diese uneindeutige Form wählt. Ist der Erzähler ebenfalls homophob? Liegen diese Uneindeutigkeiten am sprunghaften Sprachstil? Oder möchte Gordimer einfach diese undeutlichen Bezüge?

      Ich finde, abgesehen von diesem Thema, daß Gordimer sehr oft sexuelle Anspielungen einsetzt. Sobald über jüdischen Glauben gesprochen wird, winkt sie mit dem beschnittenen Penis, um nur ein Beispiel zu nennen. Das ermüdet mich dann doch, bis auf die Überlegung, ob es nicht ein interessanter Fall für Freud wäre.

      Stephan, Du könntest doch das interessante Interview mit Gordimer bei Al Jazeera, das ich vorgestern in eurem Getwitter aufgeschnappt habe, verlinken.

  5. 1. Eine Frage, auf die man, so man gutwillig ist, kaum „nein“ antworten kann, denn „näher“ bringt einen natürlich jede Art von Beschäftigung mit einer Sache. – Andererseits habe ich bislang wenig Spezifisches erfahren und noch weniger, das ich mir nicht auch selbst hätte denken können, ohne die Verhältnisse in Südafrika näher zu kennen. Da ich Bücher normalerweise nicht lese, um bestätigt zu bekommen, was ich ohnehin schon weiß, würde ich also doch lieber „nein“ antworten wollen, auch wenn ich einsehe, dass sich das kaum halten lässt.

    2. Wenn es denn Charaktere gäbe! Alle Figuren, auch die Protagonisten, erscheinen nur als Funktionsträger oder Platzhalter, nur Figuren in einem abstrakten Spiel der Autorin mit ihren Ideen über Südafrika. Personen, von Charakteren zu schweigen, haben zum Beispiel Emotionen: Da wird Gary zu einem schwierigen Kind und niemand, keine der Figuren und auch nicht die Erzählerin, fragt, woran das liegen könnte. Jabu als Mutter macht sich keine Gedanken – zumindest bekommen wir sie nicht mitgeteilt –, keine Selbstvorwürfe, spricht nicht mit ihrem Mann darüber, verteidigt weder noch entschuldigt ihren Sohn, hegt keine Zweifel – sie fragt einfach ihren Übervater und gut ist es. Ich will nicht behaupten, dass es eine solche Frau nicht geben kann, ich kann nur sagen, dass eine solche Figur weder wahrscheinlich noch menschlich ist, noch dass es irgendeinen anderen Zweck hat, dass sie so ist, als den, dass sich die Autorin nicht mit den Komplexitäten des realen Lebens auseinandersetzen muss. Das ist nicht ihr Spiel. Doch kann jemand, der sich nicht einmal selbst für seine Protagonisten interessiert, dies vielleicht auch nicht von seinen Lesern erwarten; und vielleicht noch besser, keine Romane schreiben.

    3. Ich würde es nicht Klischees nennen. Klischees haben ihren Ort und ihren Nutzen. Was mich wirklich stört sind die endlosen Plattitüden, die durch nichts anderes als weitere Plattitüden gekontert werden.

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