Bar Mizwa

Endlich kommt ein wenig Fleisch an das erzählerische Gerippe! Einer der Neffen von Steve, ein Sohn seines Bruders Jonathan, feiert seine Bar Mizwa, die rituelle Aufnahme als eigenverantwortliches Mitglied der jüdischen Gemeinde. Jonathan ist also der Bruder, bei dem das Pendel in die Richtung der Tradition ausgeschlagen ist; auch er ist damit nicht dem väterlichen Vorbild gefolgt, der in Sachen Religion ein laues Desinteresse pflegt. Steve steht der religiösen, traditionalistischen Haltung seines Bruders mit Unverständnis gegenüber, ja, er scheint von ihr bis zum Empfang der Einladung zur Bar Mizwa nicht einmal gewusst zu haben. Steves antireligiöse Haltung wird von seinem Bruder Alan übrigens nett karikiert, als er sagt, er, Alan, habe alle Religionen außer „Marx, Che und Castro“ studiert (S. 67).

Die Beschreibung der Feier selbst ist die erste Passage, die mich mit dem Buch etwas versöhnt: Die Distanz Steves und Jabuliles, denen die Zeremonie gänzlich fremd und äußerlich bleibt, gibt der Erzählerin zum ersten Mal Gelegenheit zu einem humoristischen Blick auf das Erzählte. Familienfeiern scheinen überall eine Brutstätte schriftstellerischer Ironie zu sein.

Zum Ende des Abschnitts kehrt Nadine Gordimer zu den Verwerfungen der nachrevolutionären Zeit zurück: Steve möchte eine Verwandte Jabuliles, die mit im Haus der beiden wohnt, nicht ausnutzen. Also würde er sie gern für die Arbeit, die sie ganz selbstverständlich im Haus übernimmt, entlohnen, was sie aber zu einer Dienstbotin machen würde. Offenbar fällt es Steve schwer zu realisieren, dass diese Verwandte tatsächlich in einer familiären Beziehung mit Steve und Jabulile lebt. Manche zwischenmenschlichen Beziehungen stellen eben auch dann keine Ausbeutung dar, wenn einer für den anderen regelmäßig unentgeltlich arbeitet. Auf diesen blinden Fleck in Steves sozialer Kompetenz, der wohl durch seine ideologischen Auffassungen bedingt ist, wird man im Weiteren wahrscheinlich achten müssen.

Es beruhigt mich jedenfalls, dass sich hier die ersten Löcher im Mantel dieses Heiligen Martins zeigen.

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2 Gedanken zu „Bar Mizwa

  1. Pingback: Finish and klaar | Gordimer Lesen

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