A luta continua

Nadine Gordimer erweitert das Personal um einen weiteren Kreis, doch zuvor wird Steve von dem nur revolutionär, nicht erzählerisch nützlichen Job des Industriechemikers befreit und zu einem ganz, ganz tollen Universitätsdozenten gemacht. Vielleicht wird er gar Professor werden? Ein Intellektueller, und sei es auch nur ein naturwissenschaftlicher, macht als Protagonist eben doch mehr her als ein Laborknecht der Industrie. „A luta continua“, der Kampf geht also weiter, und ein Industriechemiker passt dort nicht hinein – so Gordimer selbst.

Dann aber geht es zu den Familien: Sowohl Jabulile als auch Steve stellen ihren Ehepartner erst ihrer Familie vor, als ihre Beziehung nicht mehr illegal ist. Offenbar sind beide Familien nicht ganz sicher, wie sie diese Verwandtschaft einordnen sollen, denn es kommt nur zu seichter Konversation, bei der die politischen Aspekte dieser schwarz-weißen Ehe konsequent gemieden werden. Auch scheint es zu keine direkten Kontakten zwischen den beiden Familien zu kommen, die spätestens durch die Geburt der Tochter Sindiswa zu einer geworden sind.

Die Reeds, Steves Familie, binden das junge Paar in die üblichen Rituale ein, nehmen sie in den „Sonntagsessensreigen“ auf, wie Steves schwuler Bruder Alan das nennt. Gordimer macht klar, dass bei den Reeds viel Unsicherheit herrscht, die kompensiert werden muss, denn manche haben schon „an der verordneten nichtrassischen Demokratie schwer zu schlucken“; was muss ihnen da erst eine schwarze Verwandte, gar eine ganze schwarze Verwandtschaft zumuten? „Das Wort ‚Familienbande‘ hat einen Beigeschmack von Wahrheit“, meinte Karl Kraus.

Den einzigen der Reeds, den wir nun etwas ausführlicher vorgeführt bekommen, ist Alan, der mit seinem Bruder, dessen Frau und seinem derzeitigen Geliebten eines Abends Essen geht. Alan scheint der einzige der Reeds zu sein, der mit Jabulile keine Schwierigkeiten hat, sondern sich offen mit und an der Frau seines Bruders freut. Er vermeidet auch das Gespräch über Politik nicht. Alan denkt nicht nur über die sozialen, sondern auch die ökonomischen und außenpolitischen Folgen des neuen Ordnung nach: Solange es keine Schwarzen in der Führungseben der großen Unternehmen gäbe, ja, Schwarze Eigentümer würden, bleibe die Abschaffung der Apartheid eine weitgehend leere Form. Und Südafrika müsse begreifen, dass es Teil des afrikanischen Kontinents sei, wenn es je „in der Weltordnung was mitreden wolle“. „A luta continua“, der Kampf geht weiter.

Zum Schluss des Abschnitts findet sich eine bemerkenswerte Distanzierung der Autorin von ihrer gerade erst eingeführten Figur:

Wenn er, Alan, sich irgendwas hätte aussuchen können, wäre er lieber Dichter geworden als Revolutionär; Dichtung ist die Revolution gegen alle Beschränkungen des Gewöhnlichen.

Er ist Texter in einer Werbeagentur.

Dass er das ist, hat übrigens nicht die Figur, das hat Nadine Gordimer so ausgesucht. „Äußerst merkwürdig!“

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