Satzauslese.

Nein, ich kann es nicht verschweigen: Nadine Gordimers Stil fordert mich wirklich heraus. Gleich zu Beginn des 2. Abschnitts stolpere ich über einen Satz, der mich wütend macht. Weil er so kompliziert und widerspenstig ist, borstige Bartstoppeln, die unangenehm pieksen. „Die Folgen für die Aspekte menschlicher Beziehungen, die früher per Dekret eingeschränkt waren, sind vielfältig.“ Hätte die Autorin diesen Satz nicht flüssiger formulieren können? Oder liegt es an der Übersetzung? Egal wie und woher, ich finde diesen Satz einfach nur hässlich. Er bringt Unruhe in den Lesefluss. Kurz bin ich davor, das Buch in die Ecke zu werfen. Ja, so sauer bin ich. Verflixt aber auch! Dennoch: Ich bleibe standhaft, lese weiter und erfahre mehr über die Protagonisten und die neue Freiheit. So durfte Jabu die Tochter in einer Klinik zur Welt bringen, „die sie früher nicht aufgenommen hätte.“ Danach folgt noch eine Erklärung, die wie Feuer brennt: „Es ist kein Wunder, sondern normales Leben. Es ist das Ergebnis menschlichen Kampfes.“ Das versetzt mir einen Schlag und führt mir erneut meine Unkenntnis über die Geschichte Südafrikas vor Augen. Bevor mich meine Gedanken weiter einnehmen, überrascht mich Nadine Gordimer kurze Zeit später mit einem Satz, der sich in meinem Kopf einmeißelt. Er ist kurz und enthält doch so viel Essenz. Ein Satz, mit dem ich Stunden verbringen möchte. Ein Satz, der meinen anfänglichen Zorn verpuffen lässt und wie eine Taschenlampe meine müden Augen aufweckt: „Jetzt ist alles danach.“ Ein Satz, der mich anstachelt, weiterzulesen, das „danach“ zu erkunden.

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4 Gedanken zu „Satzauslese.

  1. ich muss leicht grinsen über deine (nachvollziehbare) erregung.. ich habe gestern mit jemandem gesprochen, der seinerzeit bei der faz unter reich-ranicki gearbeitet hat. im kontext vom verlust an lesern für zeitungen hat er erzählt, rr hätte seinerzeit erst mal alle „alten“ professoren aus der redaktion geschmissen und ihm (bzw. seinen mitarbeitern) gesagt, er könneschreiben, was er wolle, aber es müsse verständlich sein. schade, daß gordimer zu dieser zeit nicht bei der faz war.. 😉

  2. Diesen Satz finde ich nicht unverständlich, es ist doch eine relativ einfache Konstruktion.
    Im Artikel von Claudia Bröll, der sich im beiliegenden Heftchen findet, äußert sich Gordimer über ihr Schreiben so: „“Viele Leute legen heute Textstellen Freunden zum Redigieren vor (…), Aber das ist fatal. Es geht darum, wie man selbst schreibt:“ So hält sie auch Kurse für kreatives Schreiben für überflüssig. Es gibt nur zwei Betätigungen, die einen zum Schriftsteller machen: Schreiben und Lesen.“ S. 12f.
    Sie ist eine Schriftstellerin, keine Journalistin. Gestern habe ich in einer Diskussion gehört, daß Kafka heute wohl auch keinen Verleger mehr finden würde, da schwer zu lesen. Damit möchte ich jetzt allerdings nicht Gordimer mit Kafka vergleichen.

  3. du hast natürlich recht, gordimer ist schriftstellerin, keine journalistin. ich denke gerade an müller, herta, die ja auch schriftstellerin ist und auch einen schwer lesbaren stil hat. aber in dem findet man nach einiger zeit doch die melodie, den lesefluss, dagegen wirkt gordimer an manchen stellen doch recht grobmotorisch… als ob sie tatsächlich die schrift nur hinstellt…. ohne rücksicht auf die wirkung.

  4. Vielen Dank für eure Gedanken! Leider habe ich es aus Zeitgründen jetzt erst geschafft, mich mit ihnen auseinanderzusetzen. Über deinen ersten, lieber flattersatz, musste ich sehr schmunzeln. Liebe atalante, Lesen ist und bleibt ein persönliches Empfinden, das sehe ich an deinem Kommentar. Was für dich eine relativ einfache Konstruktion, ist es für mich keineswegs. Der Satz ließ mich stolpern und ich fand ihn hässlich, jetzt immer noch, egal, was Nadine Gordimer oder sonstwer sagt. Schöne Sprache ist mir nun mal sehr wichtig, und wenn ich dann über solche Sätze lese, und mein Lesefluss gestört wird, werde ich einfach wütend, weil ich weiß, dass es schöner geht. Für mich. Nadine Gordimer hat da ihre eigenen Ansichten. Die darf sie gern haben. Nur mich macht sie mit solchen Beschreibungen nicht zu einer Lesefreundin. Ja, diese grobmotorische Schreibe, wie sie flattersatz beschreibt, ist es, die nach wie vor für eine Distanz zu diesem Buch sorgt. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ich meinen Anspruch hier ablegen kann und mich an diesen Stil noch gewöhne.

    Es grüßt euch herzlichst,
    Klappentexterin

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