Abschnitt 1: S. 9 – 11

Das spannende an Leserunden und dem gemeinsamen Lesen ist für mich auch immer das gemeinsame Entdecken, das Finden von interessanten Hinweisen, die einem sonst vielleicht entgehen würden.

„Keine Zeit wie diese“ ist der erste Roman, den ich von Nadine Gordimer lese, auch wenn ich bereits einige Titel von ihr im Regal stehen habe, die bisher aber noch alle ungelesen sind. Mittlerweile ist Nadine Gordimer bereits 88 Jahre alt.

Ins Auge gesprungen ist mir zunächst die Widmung des Romans:

Reinhold Cassirer

12. März 1908 – 18. Oktober 2001

1. März 1953 – 18. Oktober 2001

Die Familie Cassirer ist eine deutsche Verleger-, Kaufmanns- und Gelehrtenfamilie mit jüdischer Glaubenstradition. Reinhold Cassirer war Galerist und seit 1954 mit Nadine Gordimer verheiratet. Wenn man über Reinhold Cassirer bei Wikipedia nachliest, wirkt er mit seinem bewegten Leben beinahe wie eine Figur aus einem Roman. Leider habe ich nicht herausfinden können, worauf sich das zweite Datum (1. März 1953) bezieht. Einen interessanten Nachruf auf Reinhold Cassirer kann man hier lesen.

Dem Roman vorangestellt sind ein Zitat von Leo Tolstoi aus „Krieg und Frieden“ und eines von Keorapetse Kgositsile, einem südafrikanischen Poet und politischen Aktivist.

Nadine Gordimer beginnt ihre Geschichte in Glengrove Place, einer Adresse in Johannesburg: „es ist weder glen noch grove“, heißt es über diesen Ort. Glengrove Place ist ein Ort, an dem Menschen geduldet werden, die sonst nirgendwo legal leben können.

Nadine Gordimer beschreibt ein Paar, dass illegal in Glengrove Place lebt und dass illegal miteinander verheiratet ist. Die Frau ist schwarz, der Mann ist weiß. Geheiratet haben sie im Nachbarland, wohin sie zum Studieren gegangen ist und er aufgrund seiner politischen Gesinnung geflüchtet ist. Die Hautfarbe der beiden wird von Nadine Gordimer mit dem Hinweis betont, dass die Hautfarbe alles ist, was zählt und ihre Identität ausmacht: „Sie war schwarz, er weiß.“

Nach dem ersten Abschnitt bin ich noch etwas verunsichert, worauf sich die Zeitangaben beziehen: es werden Begriffe wie „heute“ und „damals“ erwähnt, wann genau die Geschichte spielt, ist mir aber noch nicht klar. Auch das Verhältnis zu den Figuren ist nach den ersten Seiten noch distanziert. Am Ende des Abschnitts erfährt man zumindest, wie die Frau heißt: Rebecca Jabulile.

Bereits nach diesen ersten wenigen Seiten wird mir bewusst, wie wenig ich eigentlich weiß über Südafrika, Rassenpolitik und die Zeit der Apartheid. Das im ersten Abschnitt erwähnte Unsittlichkeitsgesetz, ein Begriff, mit dem man in unserer Gesellschaft kaum noch etwas anfangen kann, ist die etwas holprige Übersetzung des Immorality Act, einem Gesetz zur Umsetzung der südafrikanischen Rassenpolitik. Ab 1927 waren Beziehungen in Südafrika zwischen Weißen und Schwarzen untersagt, dieses Gesetz wurde mit der Zeit weiter verschärft.

Ich finde „Keine Zeit wie diese“ schwierig zu lesen, weil ich so wenig über diese Zeit weiß, doch gleichzeitig empfinde ich die Lektüre bisher auch als sehr spannend und lehrreich, weil ich versuche möglichst viel dazuzulernen.

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4 Gedanken zu „Abschnitt 1: S. 9 – 11

  1. Über Reinhold Cassirer bin ich auch gestolpert und wollte heute Abend auch gleich ins Netz und recherchieren. Das hast du ja jetzt schon übernommen 😉 Der 1. März 1953 könnte für den Beginn der gemeinsamen Zeit mit ihm stehen. Wäre ja gut möglich, da sie ein Jahr später geheiratet haben.

  2. Liebes Glasperlenspiel,
    immer gerne! Ich mag es in Leserunden immer sehr, mich auf so nebensächliche Details zu stürzen wie etwa die Widmung. Ich hatte auch vermutet, dass der 1. März 1953 für das Kennenlernen von Gordimer und Cassirer steht, aber laut Wikipedia haben sich beide erst 1954 kennengelernt und dann gleich im selben Jahr geheiratet …

  3. Ich bin nicht die Einzige, die sich ein wenig unsicher in Südafrika bewegt. Puh, ich atme auf, liebe Mara. Die von dir erwähnte Distanz habe ich übrigens auch auf den ersten Seiten gespürt, und den herausfordernden Schreibstil ebenfalls. Ich weiß gerade noch nicht, wann die beste Zeit ist, diesen Roman zu lesen. Hast du schon eine gefunden? LG, Klappentexterin

  4. Liebe Klappentexterin, ich freue mich, in meiner Unwissenheit über Südafrika nicht ganz alleine zu sein. Ich hatte schon so meine Befürchtungen, dass ihr alle euch besser auskennt.
    Eine gute Zeit zum Lesen des Romans habe ich leider auch noch nicht gefunden. Aufgrund des herausfordernden Stils bin ich Abends nach der Arbeit immer ein bisschen zu müde dafür, so dass ich versuche schon morgens ein paar Seiten zu lesen.
    Liebe Grüße, Mara.

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