S. 147 – 156

Nadine Gordimer umkreist in diesem Abschnitt ähnliche Themen, wie in den vorangegangenen: es geht um das Leben in der Vorstadt, die Familie und die Arbeit von Steve und Jabu. Vieles erscheint mir gleichförmig. Man erfährt, dass Gary Elias immer noch Jabus Vater besucht und nicht mehr so schwierig ist, wie er es in der Vergangenheit gewesen ist.

Ich habe das Gefühl, als würde sich Jabu im Moment in eine andere Richtung entwickeln, als Steve. Ihre Arbeit macht ihr Spaß. Sie beginnt immer häufiger auswärts zu essen, statt bei ihrer Familie. Bei gemeinsamen Treffen mit Freunden bleibt sie immer häufiger stumm.

Störend ist mir wieder einmal aufgefallen, dass ich bei den Dialogen häufig nicht nachvollziehen kann, wer gerade spricht …

S. 132-156 (Wortgalerie)

Es passiert nicht viel, die Handlung verläuft gleichförmig. Der Erzähler umkreist immer wieder dieselben Themen und springt zwischen ihnen hin und her: Karriere, Familie, Homosexualität und Politik. In Nebensätzen erfahren wir z.B. dass Gary Elias mittlerweile ruhiger geworden ist und noch immer gerne Zeit mit seinem Großvater verbringt.

Ich habe drei Sätze gefunden, die mir gut gefallen, und durchaus die Qualitäten eines Aphorismus haben:
„Was ist Liebe? Das erfährt man erst unterwegs. Es ist nicht das, was einen am Anfang überwältigt hat.“ (S. 141).

Ein Fall von Korruption

Einige Politiker sind korrupt. Einige Politiker sind schwarz. Einige schwarze Politiker sind korrupt. – Ach, wer nur immer in Syllogismen leben könnte!

Die Vorstadt-Krokodile-Revolutionäre regen sich darüber auf. Bei Jabus Eltern redet man nicht darüber. Steves Bruder Jonathan ist froh, dass es wenigstens kein Jude ist.

Immerhin gibt es eine überraschende Formulierung: „obsessives Nasenbohren“. (S. 150.)

Widersprüche

Das Land entwickelt sich, doch mit diesem Fortschritt werden auch die Widersprüche im „Niemandsland zwischen den Gipfeln der Reichen und den Niederungen der Armut“ größer:
Lehrer in Privatschulen werden angemessen bezahlt, während Lehrer an staatlichen Schulen weiterhin miserabel entlohnt werden.
Als Dozent stehen einem viele Möglichkeiten offen, man kann an renommierten Universitäten weltweit gut bezahlte Posten finden – oder sich wie Steve, der Übriggebliebene, im Kleinkrieg der örtlichen Universität aufreiben.
Man kann sich über die Öffnung der Universität freuen und sich gleichzeitig darüber empören, dass sich der eigene Nachwuchs keine Studienplätze leisten kann.

Im Privaten spiegeln sich diese Brüche auch in der Beziehung zwischen Steve und Jabu. Noch  eigenen Bett – also an einem Ort, den „sie mit niemandem sonst teilte“ – redet er über die anderen.

Aufklärende Kraft der Kunst

Leider wieder ein Kapitel voller Satzfragmente, deren Zusammenhalt durch die reiche Zugabe von Satzzeichen kaum verbessert wird. „In der Partnerschaft der Ideale Liebe, sexuelle Erfüllung und Zukunftspfand Kinder, die das Mysterium namens Ehe ist, ist die Bildung Steves Abteilung. Felsen ist unter ihren Füßen, unter der unterschiedlichen Arbeit, die jeder tut; ihre gemeinsamen Überzeugungen.“

Inhaltlich wird das aufkommende Nationalgefühl dem panafrikanistischen Gedanken gegenübergestellt, wenn Jabu befürchtet, Studenten anderer afrikanischer Staaten könnten den schwarzen Südafrikanern die Studienplätze wegnehmen. Ubuntu gilt wohl nicht für alle. Dafür geht ihr dank der aufklärenden Kraft der Kunst ein kleines Licht auf, das der Delphinpool widerspiegelt.

Überflüssig finde ich die Wiederholung von Steves und Jabus Bildungsgeschichte.

*110-119 (aus.gelesen) überarbeitet

außer spesen nichts gewesen: zwar bekommen steve und seine kollegen endlich einen termin beim minister, werden aber (wie wahrscheinlich überall auf der welt, insofern also normalisierung der verhältnisse) mit warmen worten abgespeist und mit dem hinweis, daß kein geld da ist… die reform erschöpft sich im vokabular: raider hieß früher twix und aus schülern werden lernende …. willkommen in der nüchternen wirklichkeit der realpolitik.

im zweiten teil des abschnitts sind wir endlich wieder beim thema: fröhliches zusammensein im delphinarium, verwunderung über deren normalität und weibliche intimgeständnisse bzgl. der nutzung der hinteren körperöffnung für andere als ausscheidungszwecke.

hoffentlich haben wir das thema bald durch.

obwohl es nicht zum scherzen ist:

SpON 2011: Jagd auf Homosexuelle in Südafrika: Gefoltert, vergewaltigt, erschlagen
afrika süd, 2008: Homosexualität in Südafrika
siegessäule.de: südafrika: traumurlaub für schwule und lesbische touristen
respekt! Zeitschrift für Lesben- und Schwulenpolitik: Gewalt trotz Gesetz

bemerkenswert ist in diesem abschnitt und zu diesem thema der etwas realitätsfremde und kindlich anmutende versuch, eine moralische überlegenheit des schwarzen mannes zu postulieren: „…Ein schwarzer Mann würde das einer Frau doch nicht antun. – Eine Frage. Oder eine Aussage, um all die Aussagen über die Barbarei der Schwarzen wettzumachen, mit denen sie als Weiße aufgewachsen war….“

gay friendly

wir lästern ja (außer bonaventura *) alle so ein wenig über die vielen homophoben (?) stellen in gordimers roman. aber vllt will die schriftstellerin uns damit etwas sagen…

googelt man nach „dolphin“ und „gay“, finden sich eine unzahl von fundstellen, die sich damit beschäftigen, daß ein großer teil männlicher delphine (im menschlichen sinne) homosexuel aktiv sind. vllt ist in südafrika daher der terminus „delphinmann“ einfach ein terminus, der für homosexuelle männer verwendet wird, im grunde unübersetzbar ist und uns daher irritiert? wie sollen wir deutsche leser das wissen?

betrachten wir die familie reed sen., genauer: ihre drei söhne. steve verschrieb sich dem bewaffneten kampf, der politischen revolution. alan war auf die „sexuelle revolution“, dem ende der homosexuellen diskriminierung, fixiert während jonathan wohl dem weißen establishment angehörte, ich aber privat dem religiösen zuwandte. vllt ist ja das ende der schwulen- und lesbendiskriminierung tatsächlich so bedeutend, daß gordimer es nicht vernachlässigen will. immerhin scheint die entsprechende gesetzgebung in südafrika sehr fortschrittlich zu sein. im gegensatz wohl zur realität, in der immer wieder brutale übergriffe auf homosexuelle vorkommen.

vllt also gibt gordimer auf ihre verquere art und weise einfach südafrikanische realität wieder: das erstaunen darüber, wie normal das leben sein kann oder ist, auch wenn man gleichgeschlichtlich liebt, das erschrecken und abwenden vor dem ungewöhnlichen der sexualpraktiken (die aber keineswegs nur homosexuell ausgeübt werden) und – sollten meine gedanken zutreffend sein – vllt erwartet uns als leser auch noch der übergriff der straße auf die bewohner des delphinariums….

hinweis: ein paar quellen habe ich ja schon an anderer stelle aufgeführt, für den, der nicht selbst suchen möchte….

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* siehe kommentar von b.